Kultur : Operation am Fremdkörper

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Von Ruth Fühner

Als Hilmar Hoffmann noch Kulturdezernent war und Frankfurt sich im Ruf einer Kulturhauptstadt der reichen alten Bundesrepublik sonnte, da orakelten manche, das alles könne schneller vorbei sein als erhofft – eine importierte Blüte, die nie wirklich Wurzeln geschlagen habe im Humus der Stadt. Einer Stadt, muss man hinzufügen, die durch den NS-Terror ihr wesentlich mitprägendes jüdisches Kulturbürgertum verloren hatte. Die Orakel haben dann recht behalten.

Nicht nur einzelne Pflänzchen werden jetzt mit Stumpf und Stiel ausgerissen – Kultur erscheint in Frankfurt als Fremdkörper, den man mit spitzen Fingern anfasst oder mit grober Hand, auf jeden Fall aber ohne Gespür. Bis 2005 will die Stadt neun Millionen Euro beim Theater einsparen.

Schon die Posse um die Intendantenkür am städtischen Schauspiel zeigte das – als man erst Dieter Dorn wollte und dann seinen Schüler Jens Daniel Herzog als Kandidaten präsentierte, der zuvor aber schon ein paar Kilometer südlich in Mannheim angeheuert hatte. Wer, der irgend ein Renommee zu verlieren hat, konnte danach noch hier arbeiten wollen: in einer Stadt, die so wenig Vorstellung davon hat, was für ein Theater sie will, dass man meinen könnte, die Hauptsache sei, der Schauspieldirektor komme aus dem sprichwörtlich leuchtenden München und strahle ein bisschen Glanz ab auf die gläsernen Bankentürme am Main.

Indessen schreitet die Kulturschädigung munter voran. Die endlich gekürte Schauspielchefin Elisabeth Schweeger (einst Wiener Festwochen, zuletzt Chefdramaturgin am Bayerischen Staatsschauspiel München) wird schon in ihrer ersten, gerade zu Ende gehenden Saison das Opfer einer konzertierten Frankfurter Pressekampagne, wie es schäumender selten eine gab – und kein Kulturdezernent stellt sich vor sie und verteidigt sie. In der kommenden Spielzeit setzt Elisabeth Schweeger auf Regisseure wie Michael Thalheimer (mit Horváth und Fassbinder), Stéphane Braunschweig (mit Ibsen) und zeitgenössiche Texte von Jenny Erpenbeck, Gesine Danckwart, Henning Mankell und Helmut Krausser.

Diskussionen über den Zustand des Theaters münden regelmässig in einen Streit ums Geld. Das hat den Vorteil, dass man das eigene ästhetische Urteil nicht mehr begründen muss. Das Theater kostet zuviel, es muss gespart werden – mit diesem Nicht-Argument kann man gleich eine ganze künstlerische Richtung entsorgen, die nicht passt.

Nur so lässt sich erklären, was sich in den letzten Wochen zutrug – dass William Forsythes wagemutiges, international renommiertes Ballett gerade noch knapp der Abschaffung entging und das seit Fassbinder-Zeiten legendäre, aber über viele Jahre planvoll ausgeblutete Theater am Turm (alias TAT) über die Klinge sprang. Wie das geschah, belegt nur ein weiteres Mal, dass Kultur in Frankfurt zu einer nachrangigen Größe geworden ist, deren Repräsentanten als Subalterne zu behandeln sind. So erfuhr der Ballettchef aus der Presse, dass man darüber nachdachte, seinen Vertrag nicht zu verlängern.

Begründung: Erstens stagniere seine künstlerische Entwicklung, und zweitens sei er viel zu wenig in der Stadt, weil auf Gastspielreisen unterwegs. Dass die Tourneen – sie mehren den Ruhm Frankfurts andernorts wie sonst wenige seiner Exportgüter – zum Finanzierungskonzept des Balletts gehören, wurde ebensowenig bedacht wie der Widerspruch, dass man mehr Präsenz von jemandem verlangte, der angeblich künstlerisch nichts mehr zu bieten hat. Auf jeden Fall, so die Überlegungen im Magistrat, spreche doch nichts dagegen, das Forsythe-Ensemble abzustossen und statt dessen einen Gastspielbetrieb mit klassischem Handlungsballett aufzuziehen. Keine Geringere als Oberbürgermeisterin Petra Roth weigerte sich, Forsythe irgendwelche Garantien für die Vertragsverhandlungen zu machen.

Doch bevor sich ungläubiger Hohn darüber allzu breit machen konnte, zog offenbar jemand in letzter Sekunde die Notbremse. Vielleicht war’s sogar Kulturdezernent Hans-Bernhard Nordhoff, ein Mann, der, nicht immer zum Vorteil seines Ressorts, am liebsten als Phantom hinter den Kulissen agiert. Immerhin setzte sich wohl die Einsicht durch, dass die Stadt sich mit dem Hinauswurf eines Choreographen von Weltrang nicht nur sehr blamieren, sondern auch (und das zählt eben mehr) einen wirklich geldwerten Schaden zufügen würde. Nicht zuletzt in der sensiblen Standortfrage. Schon lange klagen ja die Herren aus den Chefetagen der grossen Banken, dass Frankfurt aus dem Ausland angeworbenen Führungskräften kulturell zu wenig zu bieten habe. Nicht zuletzt in diesem Publikumssegment einer neugierigen, weltweit agierenden Finanz- und Werberelite fand und findet Forsythes Ballett grossen Zuspruch – wie übrigens auch das Museum für Moderne Kunst, ein anderer Leuchtturm der Frankfurter Kultur, das sein erfolgreicher Direktor Jean-Christophe Ammann inzwischen auch aufgab, weil er es müde war, gegen die Windmühlenflügel der städtischen Politik anzukämpfen.

So wenig man sich Forsythes Forschungsarbeit an Tanz und Körper aus Frankurt wegdenken will, so wenig kann die Stadt auf das verzichten, was einmal das TAT war. Das ehemalige Theater am Turm, das heute in einem ehemaligen Strassenbahndepot residiert, war einmal ein Haus, an dem vieles ausprobiert wurde, was man sich anderswo nicht traute. Peter Handke hatte hier mit seiner „Publikumsbeschimpfung“ in Claus Peymanns Regie Premiere, Joseph Beuys mit Goethe, Shakespeare und einem echten Pferd. Die Mitbestimmung, ein politisches Experiment auf der Höhe der Zeit, auch wenn es scheiterte. Oder das Fassbinder-Theater, bevor die Filme ihm Kultstatus und Unsterblichkeit garantierten. In den achtziger Jahren wurde das TAT dann zum Standesamt, auf dem das Theater sich mit den anderen Künsten vermählte, mit dem Tanz, der Malerei, der Skulptur, der Musik, wo es anfing, mit den Neuen Medien zu flirten und das Publikum verführte, ihm auf sprachlosen Wegen zu folgen, die es selbst oft nicht ganz bis zum Ende gegangen war.

Unter Beschuss stand das TAT eigentlich immer. Das Aus aber wurde mit der Entscheidung eingeläutet, es Robert Schuster und Tom Kühnel anzuvertrauen und wie das Ballett unter die Fittiche von William Forsythe zu stellen. Von Anbeginn war klar, dass die beiden jungen Theatermacher aus Berlin mit ihren Vorstellungen von einem in der Tendenz eher spröden Schauspieltheater an diesem Haus mit seiner Avantgarde-Tradition fehl am Platz waren. Zudem hatte Forsythe mit seinen Tänzern schon mehr als alle Hände voll zu tun; das TAT blieb bestenfalls sein Stiefkind.

Spätestens seit dem desaströsen Gemeinschaftsprojekt des „Faust II“, bei dem sich die Tiefe der ästhetischen Kluft zwischen den Dreien erwies, ging man getrennte Wege. Und die TAT-Mannschaft in eine Richtung - ein bisschen schein-naiv, ein bisschen gut gemeint und ein bisschen respektable Brecht-Erbe-Pflege , die auch bei vielen von denen auf Desinteresse stiess, die jetzt öffentlich gegen das Aus protestieren. So klingen manche Wehklagen zu den Schliessungs-Plänen einer so genannten „Reformkommission“ des Magistrats ziemlich hohl. Allen voran die des Ballettchefs, der sich bei einer Diskussionsveranstaltung nicht mehr anders als fäkal und auf englisch über die Kulturpolitik der Stadt äussern mochte.

Der Sittenverfall auch unter Künstlern äussert sich aber weniger darin als in einer Tendenz zur Entsolidarisierung. Den Druck, der auf ihm lastete, gab Forsythe gleich an die beiden TAT-Direktoren weiter und entzog ihnen praktisch hinter ihrem Rücken die künstlerische Leitung ab 2003, obwohl ihre Verträge noch ein Jahr länger laufen.

Die Chance, diesen wunderbaren Spielort aufs Neue mit einem Programm zu füllen, das ihn unangreifbar machte, wurde vertan; die Aufgaben, die das alte TAT hatte, nimmt inzwischen weitgehend das Künstlerhaus Mousonturm wahr. Was sich aber die Stadt Frankfurt mit diesem Theatertod abschneidet, ist ein Stück historischer Identität. Die Schliessung des TAT ist ein weiterer Schritt auf dem Weg, selbst die Erinnerung daran auszujäten, dass einst auch Frankfurt leuchtete. Und nur auf diesem Weg ist die Frankfurter Kulturpolitik wohl noch lange nicht am Ende angekommen.

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