Operette : Das Lieben der Anderen

Lasst roten Samt um mich sein! Dagmar Manzel ist Offenbachs "La Périchole" am Berliner Ensemble.

Frederik Hanssen

Ritscheratsche, ritscheratsche. Mühsam arbeitet sich eine Machete durch den Bühnenboden, Zentimeter für Zentimeter, bis endlich der ausgesägte Deckel aufklappt und sich ein Herr mit ramponiertem Frack ins Rampenlicht hangelt. In Jacques Offenbachs „La Périchole“ handelt es sich um den flüchtigen Häftling Pedrillo aus Peru. Hier am Berliner Ensemble, in Thomas Schulte-Michels Neuinszenierung der Operette, soll es unzweideutig der Komponist selber sein. 12 Jahre, raunzt er, habe es gedauert, um sich aus seinem Gefängnis zu befreien.

Pardon, Monsieur, da irren Sie: Denn dem Leben draußen, der Weltrealität steht Jacques Offenbach 2008 so fern wie nie. Die letzten, die seinen Witz, seine Sozialkritik noch verstanden haben, waren die DDR-Bürger. Wäre diese „Périchole“ 1988 herausgekommen, im Saal hätten sie wissend gelacht, wenn sich in Limas Gassen der Vizekönig inkognito unters Volk mischt, und die Masse, vom Polizeipräsidenten dressiert, in seiner Gegenwart nur staatstreue Parolen von sich gibt. Bitter wäre das Schmunzeln gewesen, wenn Don Andrès de Ribeira sich eine Straßensängerin als Geliebte aussucht und sie durch seine Schergen zwangsverheiraten lässt, worauf die blitzgeadelte Périchole am Hofe eingeführt wird und der Chor singt: Solche Baroninnen kennen wir ja schon.

Wo aber Gedankenfreiheit herrscht, wo das Geld regiert und nicht ein Monarch (oder die Partei), da wirkt Offenbach heute unglaublich gestrig. Seine Sozialsatiren sind stumpf geworden, seine Antiken-Parodien versteht – mit Reich- Ranicki sei’s geklagt! – nur noch das letzte Häuflein Bildungsbürger. Im Berliner Ensemble, dem 1892 eröffneten Stuckschmuckkästlein, das in seiner bewegten Geschichte auch einige Jahre lang Monti’s Operettentheater“ beherbergte, ist der Großmeister der opéra bouffe nun weich gelandet: auf rotem Samt.

Thomas Schulte-Michels schafft sich als sein eigener Ausstatter mit dem typischen Theater-Stoff ein märchenhaftes Bühnen-Irgendwo, drapiert ihn üppig auf der bis in den Saal vorgezogenen Spielfläche, hängt im Hintergrund einen klassischen Rundvorhang auf. Das ist hübsch – aber eben auch ein wenig beliebig, ebenso wie die Kostüme von Tanja Liebermann: Otto-Dix-Figuren im ersten Akt, später schwarzer Einheitslook mit Spitzenjabots und wüsten Frisuren nach dem Geschmack der Rockband „The Cure“. Barbara Naujok und ihre Maskenbildner haben hier ganze Arbeit geleistet, expressionistische Fratzen geschminkt, Haarschöpfe getürmt, zerstürmt. Es muss ein Riesenspaß sein angesichts der atemberaubenden Ballung attraktiver Menschen im eigens für die Produktion zusammengestellten Chor (der auch noch verblüffend gut klingt).

Diese Optik zwischen Bob Wilson und Rocky Horror Show taucht das Geschehen in Zeitlosigkeit, gibt der Dreiecksgeschichte, die Schulte-Michels so handwerklich brav nacherzählt, einen irrealen Touch. Wie von fern weht auch die von Uwe Hilprecht arrangierte Musik herüber. Klug setzt er die wenigen Instrumente ein, zunächst nur den in die Bühne integrierten Flügel, dann tritt die Flöte hinzu, beim berühmten „Brief der Périchole“ das Streichquartett, und schließlich kommt zum ersten Finale das Schlagwerk zum Einsatz. Offenbach light.

Und Dagmar Manzel, die neue Diva des unterhaltenden Gesangs, für die das Spektakel eigens angesetzt wurde? Singt wieder großartig, holt das Maximum aus ihren Nummern heraus, lässt die geschmackssicher übersetzten Texte in souverän gestalteten Melodien aufgehen, liefert ein Kabinettstückchen als betrunkene Braut ab – und muss aufpassen, dass ihre krachend lachende, hyperaktive, flinkzüngige Göre nicht zur Charge wird. Prachtweiber, die kann sie. Inzwischen fast zu gut. Darum wird an diesem Premierenabend ein anderer zum Star. Ausgerechnet Veit Schubert als Vizekönig.

Er weiß genau, dass Don Andrès die Witzfigur des Stückes ist und vermeidet gerade deshalb alles Rumpelstilzchenhafte, gibt, so sehr es Physiognomie und Kostüm auch nahelegen, gerade nicht den Louis de Funès. Nein, als trauriger Clown gewinnt er die Herzen, wenn er die Augen zur Galerie aufschlägt, wo die Hofschranzen schamlos lästern, ein Potentat, der kein Glück finden kann, weil ihn keiner als Mensch ernst nimmt, schon gar nicht Périchole, die er mit seiner Liebe verfolgt.

Intendant Claus Peymann, der große Publikums-Befriediger, zeigt sich mit diesem sentimentalen Rührstück einmal mehr ko-operettiv, surft mit auf der Modewelle der Leichten Muse – und wird seinem chronisch gut besuchten Haus zweifellos viele weitere „Ausverkauft“- Schilder bescheren. Das Kürzel BE steht am Schiffbauerdamm ja längst für „Bourgeoises Entertainment“.

Wieder am 18., 19. und 28. Oktober

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