Kultur : Operette: Komm in den Garten, Luise

Frederik Hanssen

Die ganze Welt ist preußisch blau, wenn ich in diesen Himmel schau: So eine Nachtstimmung kennt der Großstädter nur aus der Provinz. Hier, wo sich kein dunstiger Lichtdom über den Häuserschluchten wölbt, ist das Firmament nach Sonnenuntergang mit Samt ausgeschlagen. Hier kann man noch Operetten uraufführen. Luise, die beim Volk so beliebte Frau an König Friedrich Wilhelms III. Seite, wird in ihrer Vaterstadt Neustrelitz zu ihrem 225. Geburtstag und dem 300. Preußens zur "Königin der Herzen", einer Art Lady Di des frühen 19. Jahrhunderts. Ja, es gibt Parallelen: Mit 17 war sie verheiratet, mit 34 schon hauchte sie ihr Leben aus. Aber auch eine Prise Sissi steckt in dem Schicksal des Wildfangs von der Mecklenburgischen Seenplatte, der in die Hauptstadt einheiratet. Und sie ist auch eine Traviata, wenn Husten die zarte Figur schüttelt.

Ein Residenzchen in Ehren...

Luise, die Herzenskönigin, soll jetzt ihrem Neustrelitz noch einmal Gutes tun: Mit ihrer Hilfe will das schmucke Residenzstädtchen vom weißen Fleck auf der Landkarte der Freizeitgesellschaft zum Tourismusmagneten avancieren. Obwohl man den Ort auf der B 96 in gut einer Stunde erreicht - hat man Berlin und das Nadelöhr Oranienburg erst einmal hinter sich -, fahren die meisten Hauptstädter an Neustrelitz entweder östlich vorbei gen Rügen und Usedom oder westlich gen Schleswig-Holstein. Also haben sich alle örtlichen Kräfte zusammengeschlossen, und die Schlossgarten Festspiele gegründet. In der Sichtachse des fürstlichen Parks, einem locus amoenus mit Tempel, Springbrunnen und mannshohen Steinvasen, ist tatsächlich der Herrschersitz wieder erstanden - zumindest ein Flügel des 1945 zerstörten Schlosses, als verschraubte Stahlrohrkonstruktion, behängt mit einer auf Leinwand gemalten Fassade. Neben einer Tribüne (für 2600 Gäste!) ragen alte Bäume auf, linkerhand zieht die himmelstrebende Neogotik der Schlosskirche die Blicke auf sich und en face erglüht die Illusionsarchitektur des virtuellen Adelssitzes im güldenen Abendlicht.

Wo so viel liebliche Natur dem Auge schmeichelt, genügen zwei Terrassenebenen, acht dorische Säulen und ein paar Spaliere mit Efeudekor, um der königlichen Lebensgeschichte den passenden Rahmen zu geben. Die Leitung des Landestheaters Mecklenburg, das für den künstlerischen Part des Projekts verantwortlich zeichnet, ist zum Glück nicht der Versuchung erlegen, die Story ihrer Königin zu einem jener Biograficals verwursten zu lassen, mit denen die Musical-Konzerne derzeit Kasse machen. "Luise - Königin der Herzen" ist eine ehrliche, echte Operette. Horst Vinçon hat mit geübter Schauspielerhand einen typischen Plot gezimmert mit einem lyrischen und einem Buffo-Paar, bunten Chorszenen und Paraderollen für Napoleon, Zar Alexander I. und Heinrich von Kleist. In knapp drei Stunden schnurrt die Geschichte ohne dramaturgische Durchhänger ab, es gibt ein Happy End mit obligater Träne im Kopfloch - und selbst die Dialoge sind nicht gestelzter als bei den Klassikern des Genres. Das Beste aber ist die Musik, denn sie stammt von den großen Operettenmeistern höchstselbst. Die "Luise"-Macher haben sich nämlich ihre neue Partitur einfach aus weniger bekannten Werken von Johann Strauß, Jacques Offenbach und Walter Kollo zusammengestellt. Das garantiert eine musikalische Qualität, wie sie eine Neukomposition "im Stile von" wohl kaum geboten hätte.

Die alte Zeit: Biedermeier-Heiterkeit

Frank Zacher dirigiert die Neubrandenburger Philharmonie elegant durch die Walzer, Märsche und Couplets - und Regisseur Wolfgang Lachnitt bebildert sie mit viel Brimborium so tändelnd-tänzelnd, dass dem operettenentwöhnten Besucher aus der Hauptstadt wohlige Schauer über den Rücken rinnen. Regine Sacher ist mit ihrem hellen Jubelsopran aber auch eine ganz unwiderstehliche Königin. In bunten Biedermeierkostümen von Roy Spahn singt der Chor seine losen, munteren Lieder, effektvolle Pferdeauftritte und ansprechend über den englischen Rasen verteilte Statisten reizen die Möglichkeiten der gigantischen Freilichtkulisse aus. Und DDR-Fersehstar Dagmar Frederic schließlich gibt als Gräfin Voß der ganzen Sache sogar noch einen Hauch Nostalgieglamour. Bleibt den rührigen Neustrelitzern für die insgesamt 16 Aufführungen bis zum 8. Juli nur eins zu wünschen: Einen heiteren Himmel - preußisch blau!

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