Kultur : Operetten und Dinner-Shows zum 100. Geburtstag und 50. Todestag des Komponisten

Isabel Herzfeld

Ausgerechnet zum Fest der Feste scheinen alle Entdeckungen gemacht. Schon im vergangenen Juni hatte die Kurt-Weill-Foundation New York die globalen "Kurt-Weill-Centenaries" zum 100. Geburts- und 50. Todestag ihres Patrons ausgerufen. In Chemnitz kam der komplette "Weg der Verheißung" als Welturaufführung heraus, in New York war erstmals "Die Bürgschaft", in London "The Firebrand of Florence" zu sehen. Und in Dessau nichts Neues?

Immerhin zieht man im 8. Durchgang der jährlichen Huldigung doch noch ein Bonbon aus dem Ärmel: Die Operette "Der Kuhhandel", 1933 unter schwierigsten Umständen im Pariser Exil geschrieben, in der Politiker und Waffenschieber ihre Kungeleien ausnahmsweise singen dürfen. Ansonsten gibt es wieder die kulinarischen Dinner-Shows und Geburtstagsbälle für 150 Mark und drei Groschen Eintritt, Berlin im Licht und Ladies in the Light, Songprogramme mit Studenten und Crossover mit Giora Feidman, Kurzweil(l) eben in den unterschiedlichsten Adaptionen. Nachwuchspflege, Sichern des Erreichten - so lauten die Parolen.

Und dann ist da noch die Frage nach der "richtigen" Interpretation. Mit Argusblick wacht darüber die Weill-Foundation, in Dessau vertreten durch ihre Präsidenten Kim Kowalke und Lys Symonette. Koryphäen versammeln sich zum Symposion im geschichtsträchtig-zeitgemäßen Bauhaus. Hinter den "zehn Geboten der Weill-Interpretation" - so der Titel - verbirgt sich allerdings nur ein einziges: Du sollst den Notentext heiligen. Teresa Stratas, die Jenny der ersten "Mahagonny"-Aufführung an der Met und enge Freundin Lotte Lenyas, berichtet vom Schlüsselerlebnis der Partitur. Richtig gesungen eröffne sie alle Farben und Facetten großer Musik, wie Mozart. Den will man schließlich auch nicht gesprochen und in andere Tonarten transponiert hören, pflichtet der amerikanische Dirigent John Mauceri bei. Weill ist für ihn "normale Musik", sehr deutsch selbst in US-Musicals wie "One touch of Venus". Ein spezifischer "Weill-Stil", um den sich Schauspieler so oft bemühen, sei überflüssig.

Schön und gut, aber führt uns das nicht eher wieder ins Opernmuseum? Wegen des Transponierungs-Verbots hat schließlich Nina Hagen die Seeräuber-Jenny für Berlin gerade abgesagt - zu hoch für ihre dunkle Röhre. Und die Inszenierung vom "Weg der Verheißung", von deren großem Publikumserfolg der Chemnitzer Dramaturg Karl-Hans Möller berichtet, geriet durch die Foundation-Auflagen zum biederen "Biblical".

Doch Gerechtigkeit muss sein. Wie Weill klingen kann, in originalem Arrangement und richtiger Tonart, führte kürzlich in Berlin das Ensemble "Colours of Music" mit dem jungen Ari Benjamin Meyers frappierend vor. Wie Stars von gestern denen von morgen wenig beibringen können, zeigte das Dessauer Eröffnungskonzert. Milva, mit immer noch großer Stimme, schwarzem Schleiergewand und brandroter Löwenmähne, ist immer Milva, mit allen Show-Wassern gewaschen. Der "Anna I und II" der "Sieben Todsünden" steht sie mit ihren von unten herausgeschleuderten Tönen und ihrem exotischem Sprachakzent im Weg. Strahlend besingt sie das "kleine Haus in Louisiana"- aber: Hat Anna dafür nicht gerade Körper und Seele verkauft?

Frage: Können die Jüngeren es besser? Annette Postel, Gewinnerin des erstmalig von der Foundation durchgeführten Lotte-Lenya-Gesangswettbewerbs, setzt für "Nanas Lied" einen sauberen, ausgereiften Sopran ein. Doch wie sie da im Bauhaus-Café steht, blond, im schwarzen Etuikleid, und die Verwerfungen des Liebesmarkts besingt, schleicht sich doch wieder nostalgische Fremdheit ein. Für ein "aktuelles, politisches, populäres Musiktheater", wie Mauceri es aus Weill herausliest und für die Zukunft fordert, braucht es letztlich doch mehr Leben als Stimme. Nächste Veranstaltungen: Premiere "Der Kuhhandel" im Anhaltischen Theater (2.3.); Konzert der MDR Kammerphilharmonie mit Peter Hirsch und Daniela Ziegler (3.3.); Konzert der London Sinfonietta unter HK Gruber (5.3.). Informationen unter Tel.: 0340/2041442

0 Kommentare

Neuester Kommentar