Kultur : Operettenhaus in der Warteschleife

ALEXANDER KERBST

Was das Metropol-Theater leisten könnte, wenn man es arbeiten ließeVON ALEXANDER KERBSTDas Metropol-Theater ist seit Juli 1997 geschlossen - aber ist die Operette wirklich am Ende? Nicht nur René Kollo, auch jene Kulturpolitiker, die nur die "Hochkultur" als die wahre Kunst ansehen und für förderungswürdig befinden, haben dem Genre geschadet: Viele Politiker geben vor, das Metropol-Theater wiedereröffnen zu wollen, obwohl sie es insgeheim schon längst abgeschrieben haben.Allen Lippenbekenntnissen zum Trotz rückt die Wiedereröffnung in immer weitere Ferne. Das ist ein Tod auf Raten, der einer endgültigen Schließung gleichkommt.Namentlich Kulturstaatssekretär Lutz von Pufendorf und der leitende Beamte der Kulturverwaltung Herr Mehlitz verfolgen diese Absicht.Die SPD hinwiederum lehnt sich genüßlich zurück, läßt den Senator mit dem Dekra-Manager Rainer Vögele verhandeln, um dessen Konzept dann, wie schon jetzt signalisiert, abzulehnen.Und die Grünen? Sie wollen die Kollo-Vergangenheit in einem Untersuchungsausschuß aufarbeiten lassen, um dem Kultursenator politisch schaden zu können. Dabei kommen die besten Konzepte aus dem Ensemble selbst.Neue künstlerische Ideen könnten die Operette endlich aus ihrem Dornröschenschlaf erwecken.Während Kollos Vorstellungskraft auf dramaturgischem Gebiet durch jahrzehntelange Bühnentätigkeit im Opernbereich (Erhabenheit und Pathos) geprägt wurde, hat die Operette grundsätzlich einen völlig anderen Charakter: Leichtigkeit, Beschwingtheit, Spielfreude und Heiterkeit, gepaart mit Satire, Ironie und Spott.Das sind die Register, die man ziehen muß, um die "Soap-Operas" aus Omas Zeiten wieder aufblühen zu lassen.So wurde neulich in der "Neuköllner Oper" aus der alten DDR-Operette "Messeschlager Gisela" von Gerd Natschinski ein Kassenschlager.Der Laden ist immer voll.Vielleicht auch, weil es zur Zeit die einzige Operette in Berlin ist. Bisher wurde in Sachen Metropol-Theater ausschließlich über Zahlen und Wirtschaftlichkeit diskutiert.Über künstlerische Inhalte wurde nicht gesprochen.Schade, denn im Metropol gibt es junge Leute mit Inspiration.In der Operettenliteratur findet man eine Fülle von Werken, die große musikalische Schätze in sich bergen.Diese gilt es, neu zu entdecken und sie durch geschickte dramaturgische Bearbeitung in aktuelle Gegenwartsstücke zu verwandeln.Und warum sollten Operetten nicht von ausgemachten Musical-Regisseuren inszeniert werden, die auf die Operette auch ästhetisch eine neue Sicht ermöglichen? Auch die Förderung von Nachwuchs in Zusammenarbeit mit den Musik- und Schauspielhochschulen ist ein wichtiger Punkt, da die Studenten dieses Fach im Studium nicht erlernen können.Kinderstücke sind ebenfalls ein wichtiger Faktor in der Gestaltung des Spielplans, um junges Publikum für das Genre zu begeistern.Um die Vielfalt der Operette zu zeigen, sollten konzertante Aufführungen von unbekannten, aber qualitätvollen Werken (zum Beispiel von Leo Fall) stattfinden. Als dritter Faktor neben Operette und Musical müßte die politisch-satirische Jahresrevue aus den Gründungsjahren des Metropol-Theaters eine Renaissance erfahren.Durch ihren lokalen Charakter und ihren aktuellen Inhalt hat sie gute Chancen auf ein Comeback.Das Metropol-Theater ist das einzige Theater, das diese Form wiederentdecken kann.Und es gibt ein unerschöpfliches Thema: Berlin! Konzept, Textbuch und Klavierauszug für eine neue Metropol-Jahresrevue liegen bereits vor.Sie ist eine Hommage an das alte Berlin und könnte noch in diesem Jahr als Jubiläums-Inszenierung Premiere haben, wenn das Metropol-Theater am 3.September 100 Jahre alt wird! Zur Umsetzung all dieser künstlerischen Überlegungen ist es aber notwendig, ein festes Ensemble zu formieren, das sich unter den Bedingungen eines Repertoirebetriebes künstlerisch kontinuierlich entwickeln kann.Und das Potential ist jetzt doch da ...Redet mit uns darüber! Uns gibt es - auch wenn unser Theater geschlossen ist! Der Autor war Gesangssolist und Regisseur am Metropol-Theater.

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