Operettenkonzert mit RSB und Janowski : Die Lippen küssen heiß

Marek Janowski hat das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin für sein Operettenkonzert in großer Besetzung antreten lassen. Es gab Wiener Klassiker ganz ohne Schlendrian. Das Publikum war hingerissen.

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Seine letzte Operette „Giuditta“ schrieb Franz Lehár für die Wiener Staatsoper, also durchaus mit Sinn fürs Repräsentative. Da ist es nur konsequent, wenn Marek Janowski das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin für sein Operettenkonzert in großer Besetzung antreten lässt und auf opulenten Streicherklang setzt. Mit flottem Tempo und klaren Rhythmen für die „Zigeunerbaron“-Ouvertüre von Johann Strauß macht er gleich zu Beginn deutlich, dass hier wenig Raum für Sentimentalität und Tränendrücker bleibt. Fein dosiert sind die Übergänge, genau kalkuliert die Effekte zwischen Marschrhythmen und den Melodiebögen der Liebesmotive.

Jeder Lauf sitzt, die Einsätze kommen mit größter Präzision, und das tut der „goldenen“ Wiener Operette unbedingt gut. Schließlich hat der Komponist den „Zigeunerbaron“ als einzige seiner Operetten selbst instrumentiert. Was Janowski als Aufforderung begreift, sich besonders um die Klangschattierungen und harmonischen Wendungen zu kümmern. Worauf der Tenor Nikolai Schukoff so schwungvoll aufs Podium der Philharmonie stürmt, dass er auf dem Weg ins Maxim’s beinahe ausgleitet. Kleine Schrecksekunde im Publikum, aber dann singt er souverän den Lebemann Danilo aus Lehárs „Lustiger Witwe“, der vor den Zumutungen den Diplomatendaseins ins Pariser Nachtleben flüchtet. Bis zuletzt Lippen schweigen, Geigen flüstern – Marek Janowski bleibt auf sicherem Wunschkonzertterrain.

„Unter Donner und Blitz“ ist das Publikum hingerissen

Wienerischer Schlendrian will allerdings nicht aufkommen, wenn die Sopranistin Alexandra Reinprecht und ihr Tenorpartner Arien und Duette aus „Paganini“ und „Zarewitsch“ singen. Das erotische Rubato in „Gern hab ich die Frau’n geküsst“ ist nicht Janowskis Sache, die geradezu obszön aufgeladenen Verzögerungen eines Richard Tauber bleiben ihm suspekt. So fällt der Herzschmerz vergleichsweise brav aus, auch wenn die Sänger sich mächtig ins Zeug legen.

Nach der Pause hat sich der Tenor von seiner Einspringernervosität befreit und schmettert „Freunde, das Leben ist lebenswert“ in den Saal. Auch Alexandra Reinprecht nimmt man nun gerne ab, dass ihre Lippen heiß küssen. Schon lange vor der Zugabe „Unter Donner und Blitz“ ist das Publikum hingerissen, und wenn enthusiastisch mitgeklatscht wird, ist die Grenze zwischen Wiener Schnellpolka und preußischem Exerziermarsch nicht mehr auszumachen.

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