Kultur : Opern, in die man gerne geht?

PETER SÜHRING

Manchmal möchte man ja diesen Sektierer Richard Wagner ins Bayreuther Festspielhaus verbannt wissen.Doch gerade das wäre keine Lösung, denn Wagners Wahn kann seinen Frieden nur im künstlerischen Wettbewerb der öffentlichen Bühnen finden.Also Wagner inszenieren, Festtage veranstalten, wissenschaftliche Symposien über das "Deutsche in der Musik" einberufen - das sagten sich auch Intendant der Berliner Staatsoper Unter den Linden, Georg Quander, und sein Generalmusikdirektor Daniel Barenboim.Glaubte Wagner, er schulde der Welt noch einen Tannhäuser, so scheint Daniel Barenboim zu glauben, er schulde der Welt noch einen Wagner, und zwar einen von jedem Makel befreiten.Ein etwas gespalteneres Verhältnis zu einem so zwiespältigen Musiker wie Wagner sollte man jedoch schon haben.Weder die Makel der Libretti und Partituren, noch die der Rezeptionsgeschichte lassen sich unter den Teppich spielen.Barenboim wird jedenfalls genug mit der dramaturgischen Unausgegorenheit des "Tannhäuser" zu kämpfen gehabt haben.

Das zweifelhafte Resümee, das einem noch vom ersten gleichthematischen Symposium während der österlichen Festtage der Staatsoper 1998 noch in den Ohren klingt, Wagners Mythen und Utopien seien gut gewesen, erst die Nazis hätten sie pervertiert, mißachtet die historische Erfahrung, daß unaufgeklärte Mythen und rückwärtsgewandte Utopien, serviert von suggestiver Musik, den Keim von Perversion bereits in sich tragen.

Hans Sachsens identitätssüchtiger Ausmerzungswahn à la Wagner wird denn auch in der Lindenoper fröhlich in Szene gesetzt und der realsozialistisch sozialisierte Regisseur Harry Kupfer will Sachsens Ansprache in den "Meistersingern" ungeniert antiamerikanisch verstanden und damit vermutlich mutig aktualisiert haben.

Wagner - ein genialer und ganz normaler Musiker zugleich, der Opern schrieb, in die man gerne hineingeht? So wünscht sich das offenbar der Intendant Georg Quander.In der Einladung zur diesjährigen zweiten Runde des Symposiums mit dem unfreiwilligen Dreieinigkeitstitel "`Was deutsch und echt...Ô - Mythos, Utopie, Perversion" wird wieder das Mißbrauch-Schema strapaziert.Aber ein unmißbräuchlicher Wagner ist nicht zu haben.Wahr ist, daß Wagner auch nach Abstrich seines Mißbrauchs nicht makellos werden will, daß der "Mißbrauch" sich als nur gestgeigerte Ur-Perversion des Originals entpuppt.Allenfalls ist Wagner nämlich nur trotz seiner Makel aufführenswert.

Grandseigneur Peter Wapnewski konnte zwar in salopper Art ein sympathisch-romantisiertes Mittelalter-Bild vor den Augen der Teilnehmer erstehen lassen, wollte aber seine Eingangsthese, Wagner habe mit dem, was die Nazis mit ihm trieben "aber auch gar nichts" zu tun, möglichst nur en passant preisgeben.Leider läßt auch gerade Wagners kunstreligiöser Absolutismus, der aller Zweckdienlichkeit enthoben sein will, sich gegen seine eigene nationale Diensteifrigkeit nicht durchhalten, wie Hermann Danuser zu wünschen schien, sich dann aber, als es spannend wurde, Brahms und Reger zuwandte.

Die meisten Referenten widersprachen unmißverständlich den Vorgaben des Veranstaltungstitels.Die Spuren der Rezeptionsgeschichte lassen sich nicht tilgen, wie Reinhold Brinkmann aus Harvard plausibel machen konnte.Unweigerlich hört man die Möglichkeit zum Mißbrauch mit.Für die Makel der Libretti und Partituren mochte Brinkmann sogar von einer "historischen Schuld Wagners" sprechen.Wie der Nibelungen-Mythos zur nationalistischen Mobilmachung deutscher Massen 1924 auch mit expressionistisch-filmischen Mitteln von Fritz Lang zugerichtet wurde, zeigte sehr instruktiv Anton Kaes.Anhand des bruchlosen Übergang der filmpropagandistischen Linie von der Weimarer Republik ins Dritte Reich konnte er die kontinuierliche Verschwisterung von Mythos, Utopie und Perversion demonstrieren.

Der Hegemonieanspruch der deutschen Musik hat eine lange Ahnenreihe, Wagner aber ist ein entscheidendes genetisches Kettenglied in der Selbstüberhebung der deutschen Musik, wie Bernd Sponheuer erhellend aufzeigte.Dieser ganze Furtwängler-Himmel, diese Verwechslung von deutsch mit rein-menschlisch, von Sonatenhauptsatzform mit musikalischer Universalsyntax, von Kunst der Fuge mit idealtypischer Weltkunst, von endloser Melodie mit Weltschmerz, von Leitmotiv mit Weltanschauung, von Zwölftonreihe mit Prinzipientreue und so weiter ist eine deutsche Krankheit.

Martina Sichardt fiel die glänzend bewältigte heikle Aufgabe zu, Schönbergs Oper "Moses und Aron" in diesen Zusammenhang zu rücken und den herzzerreißenden Zwiespalt zwischen seinem deutschen und seinem zionistischen Bekenntnis zu verdeutlichen.Bevor Schönberg, ausgelöst durch antisemitische Übergriffe auf seine Person 1921, sich gegen den Irrweg der Assimilation wandte, wollte er seine Zwölftontechnik als Beitrag zur Vorrangstellung deutscher Musik in der Welt verstanden wissen, und Anton Webern versuchte noch während des Krieges, als er schon mit Aufführungsverbot belegt und zum Notenabstauber degradiert war, von Wien aus eine Anerkennung der Dokekaphonie als konsequenter und höchster Blüte deutscher Musik bei der Reichsmusikkammer zu erwirken, um ihre Vormacht international zu sichern.Eine neue "Perversität" bedeutete, daß während der Festtage das den "detuschen Helden" gewidmete Requiem von Reger bei einem Konzert der Staatskapelle unter Barenboim neben Schönbergs "Ein Überlebender aus Warschau" gezwungen wurde.

Kann zwar aus historischen Gründen das "Deutsche in der Musik" nicht lediglich wie ein Idiom unter anderen behandelt werden, so sollte doch die Überschätzung und Verharmlosung Wagners ein Ende finden.Leider hatte Generalmusikdirektor Barenboim keine Zeit, das wissenschaftliche Symposium zu besuchen, außer bei der Abschlußdiskussion auf dem Podium zu sitzen, und so weiß er nur, daß er Berlin noch einen Tristan schuldet - im Jahr 2000, zu den Festtagen.

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