Opern-Streit : "Weg mit den Subventionen"

Ein Opern-Streit in der American Academy

Christiane Tewinkel

Gut, wenn von Übersee Ratschläge zur Klassik-Krise kommen, gut, aber auch schrecklich. Weil Peter Gelb einerseits recht hat, zum Beispiel mit dem Satz, den er zu Beginn seiner Karriere vom Platzanweiser zum General Manager der Metropolitan Opera hörte: „Wenn die Leute nicht kommen wollen, kann man sie nicht aufhalten.“ Weil die Vorstellungen des Ex-Chefs von Sony Classical andererseits so gar nicht zu Europa passen. Dass sich das deutsche Publikum ans Programmheft klammere, um Inszenierungen zu dechiffrieren, dass es mehr verwirrt als unterhalten werde, dass Regisseure Kritikern willfahrten, hört man nicht gern. Tatsächlich wird der Abend in der American Academy, bei dem Gelb über seine Erfolgsstrategien am größten Opernhaus der Welt spricht, in leiser Aufruhr enden.

Als Gelb 2006 seinen Posten antrat, lag das Durchschnittsalter der Besucher bei 65 Jahren. Nach 9/11 war die Auslastung gesunken, die Met war „abgeschnitten“ von der Außenwelt. Gelb suchte das elitäre Image abzulegen, eine Verbindung zur zeitgenössischen Kunst zu schaffen, weiterhin die besten Künstler zu verpflichten und die Vertriebswege zu erweitern. Zusätzlich zu den Radioübertragungen aus der Met führte er Video- Übertragungen der Saisoneröffnung am Times Square ein, wo Tausende Besucher sich zwischen den Werbeflächen diejenige mit der Oper heraussuchen können.

Hinzu kommen Übertragungen in Kinos, die von Gesangsstars wie Renée Fleming moderiert werden. Inzwischen nehmen fast 900 Kinos weltweit teil. Welche ästhetischen Konsequenzen seine Arbeit habe, wird Gelb gefragt. Da fängt er wieder von vorn an: 3800 Plätze habe er zu besetzen. „Eine der großen Gefahren in Europa ist, dass man wegen der Subventionen nicht den Druck hat, das Haus füllen zu müssen.“ Aufruhr in der Academy, in die neben Vertretern der Berliner Orchester und Opernhäuser auch die Weimarer Kunstfest-Intendantin Nike Wagner, Volker Schlöndorff oder Nikolaus Lehnhoff gekommen sind. Jürgen Flimm, designierter, mit seiner Unterschrift gleichwohl zaudernder Chef der Lindenoper, widerspricht: „Sie glauben es nicht, aber sogar wir brauchen den Kartenverkauf.“ Also gut, sagt Gelb. Vielleicht legten es die europäischen Regisseure nicht darauf an, ihr Publikum zu vergraulen. Aber sie dächten nicht über dessen Reaktionen nach.

Als nun ein junger Orchestermanager behauptet, dass einem Dirigenten wie Muti nicht daran gelegen sei, zu unterhalten und sich unwirsches Raunen regt über den steinalten Streit „Anstrengung vs. Unterhaltung“, kappt Academy-Director Gary Smith die Diskussion, bevor sie kippt. Bis Neue und Alte Welt hier aufeinander zutreten, wird wohl noch Zeit vergehen. 

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