Operngala für die Deutsche Aids-Stiftung : Glamouröser Widerstand gegen den Tod

Seit 20 Jahren kämpft die Festliche Operngala für die Deutsche Aids-Stiftung gegen Tabus – Millionen wurden für Kranke aufgebracht.

von
Ein gern gesehener Gast und Präsentator: Loriot (Vicco von Bülow) mit Ehefrau Rose-Marie und Tochter Bettina von Bülow bei der Aidsgala 2004 in der Deutschen Oper Berlin. Fotos: ullstein bild - XAMAX (2); picture-alliance / SCHROEWIG/CS (2);
Ein gern gesehener Gast und Präsentator: Loriot (Vicco von Bülow) mit Ehefrau Rose-Marie und Tochter Bettina von Bülow bei der...Foto: picture-alliance / SCHROEWIG/CHL

Die Erfinderin der Aidsgala war eine Dame der Berliner Gesellschaft. Irina Pabst hatte russische Wurzeln, war temperamentvoll und hatte eine viel versprechende Schauspielerkarriere aufgegeben, weil ihr Mann sie nach der Hochzeit auf Händen in die Küche trug mit den Worten: „Das ist jetzt deine Bühne.“ Dabei blieb es nicht. So mondän ihre gesellschaftlichen Auftritte waren, so engagiert war sie abseits des Rampenlichts. Sie kümmerte sich um todgeweihte junge Menschen, die an einer unheimlichen, unheilbaren neuen Krankheit litten, über die man damals lieber nur flüsterte: Aids. Sie kochte für sie und begleitete sie bis zum Ende ihres Lebens. Natürlich wurde Geld gebraucht.

Eines Tages erzählte sie Operndirektor Alard von Rohr von ihrem Engagement. Aus dem Gespräch entwickelte sich die Idee der Aidsgala. Mit ins Boot kam der Hotelier Alfred Weiss. Mitte der 90er Jahre war dieses Format noch ziemlich neu. Dieses Initiatoren-Kleeblatt hob dann die Aidsgala aus der Taufe. Der Juwelier David Goldberg, der als einer von wenigen bereits Erfahrungen gesammelt hatte mit Charity-Galas, war anfangs auch noch dabei.

Es war keineswegs selbstverständlich, dass sich ausgerechnet diese Gala zu einem der wichtigsten gesellschaftlichen Ereignisse bundesweit entwickelte, im Gegenteil. Aids war damals eine mit vielen Tabus behaftete Krankheit, gerne abgeschoben in soziale Projekte. Und nun prangten die roten Schleifen der Solidarität plötzlich auf Smoking-Jacken und an langen Abendkleidern. Es brauchte einen souveränen, mutigen Intendanten wie Götz Friedrich, so etwas in der gutbürgerlichen Deutschen Oper überhaupt möglich zu machen. Aber es funktionierte. Das lag zunächst am Format. Weil die einzelnen Künstler auf ihre Gagen verzichteten, stellte man ein buntes Arienprogramm zusammen. Die Hitparade aus Arien moderierte beim ersten Mal noch Ulrich Wickert. Aber schon im kommenden Jahr eroberte Loriot mit seinen „Notwendigen Bemerkungen zu dramatischen Musikbeispielen“ die Herzen der Zuschauer. Die wurden Kult, und er blieb der Aidsgala lange treu.

Im Anschluss an das Opernprogramm wurde die Bühne freigeräumt, es gab ein großes Dinner und anschließend Tanz und Tombola. Lange bevor sich infolge des Regierungsumzugs die Eventkultur in der Stadt ausbreitete, wurden so einzigartige Erlebnisse geschaffen. Beim fünften Mal sagte die Gästeliste schon ziemlich viel aus über den Stellenwert, den sich die Aidsgala in der Zwischenzeit erobert hatte. Der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder und Frau Doris saßen zusammen mit Prinzessin Caroline von Monaco und Ernst August Prinz von Hannover. Altbundespräsident Richard von Weizsäcker war dabei und die britische Modeschöpferin Vivienne Westwood. Loriot entschied sich, all die vielen Ehrengäste „schon aus Zeitgründen“ schlicht mit „Sehr verehrte Damen und Herren“ anzusprechen. Längst nicht jeder, der eine Karte für 500 DM kaufen wollte, bekam auch eine. Stars wie Dame Gwyneth Jones, Kristjan Johannsson und Francisco Araizas wurden heftig bejubelt.

Auch beim zehnten Geburtstag kam eine Starbesetzung zusammen, nicht nur im Publikum, sondern auch auf der Bühne. Literaturpreisträgerin Nadine Gordimer sprach über die Kunst, die in ihrem tiefsten Wesen ein Widerstand gegen den Tod sei. Und der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit, der traditionell die Begrüßungsansprache hält, mahnte, wie öfter zuvor und danach, dass es nicht reiche, nur Spenden zu geben, sondern dass es immer auch Menschen brauche, die rausgehen und für die Aidskranken da sind, gerade auch für solche Menschen, die sie vorher gar nicht kannten. Menschen wie Irina Pabst zum Beispiel. Zwei Jahre zuvor hatte er diese Gala genutzt, um seinen Lebenspartner Jörn Kubicki offiziell in die Gesellschaft einzuführen.

2003 wurde Loriot 80 Jahre alt und vom Publikum sehr gefeiert. Zwei Jahre zuvor war er mit stehenden Ovationen zum Ehrenmitglied der Deutschen Oper gekürt worden. Ab 2005 übernahmen mehrere Moderatoren seine notwendigen Bemerkungen. Als würdiger Nachfolger erwies sich am Ende Max Raabe, der den Job seit 2007 allein machte, anfangs immer wieder mit sympathischen verbalen Verbeugungen vor dem großen Vorbild.

In der Zwischenzeit hatten die Initiatoren einige Maßnahmen ergriffen, um die Aidsgala stetig zu optimieren und in der Liga der A-Klasse-Ereignisse zu halten. Mitte der nuller Jahre etwa wurden Busenwunder und andere Vertreterinnen der sogenannten Luderfraktion verbannt. Anfang des Jahrtausends waren die auf vielen Berliner Partys noch gelitten, um für Gesprächsstoff und Kamerafutter zu sorgen, aber damit sollte nun Schluss sein. Andere Veranstalter machten es den Organisatoren später nach. Freilich stecken große Feste immer voller Unwägbarkeiten. Kaum war man die Busenwunder los, tauchte in einem Jahr der österreichische Rechtspolitiker Jörg Haider als Gast eines Bauunternehmers auf, der gleich einen ganzen Tisch gekauft hatte.

Das Kuratorium ist bestückt mit vielen großen Namen, Claudio Abbado, Sir Simon Rattle, Markus Lüpertz, Karl Lagerfeld, Roman Herzog, Rita Süssmuth und Anne-Sophie Mutter sind nur einige davon. Sie alle haben durch ihr Mitwirken einen Beitrag dazu geleistet, Aids von Tabus zu befreien und das Thema so in die Öffentlichkeit zu rücken, dass es nicht in Vergessenheit geriet. Seit Beginn der Operngala wurden über sechs Millionen Euro gesammelt, von denen auch Aidskranke in Südafrika unterstützt wurden.

Als Irina Pabst 2004 starb, fand die nächste Gala „in memoriam“ statt. Vor zwei Jahren wurde die Aidsgala dem Gedenken an den verstorbenen Loriot gewidmet. Die Initiatoren schrieben ihm sogar einen offenen Brief. Das ist auch so eine Besonderheit. Die Toten werden nicht einfach gestrichen. Ihr Name wird lediglich mit einem Kreuz versehen.

Autor

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben