Opernhäuser : Und die andern steh’n im Licht

Was heißt hier Konkurrenz? Während die Komische Oper in Mitte die Stellung hält, üben sich Staatsoper und Deutsche Oper in trauter Nachbarschaft.

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Foto: Kai-Uwe Heinrich
Foto: Kai-Uwe Heinrich

Das gibt es wirklich nur in Berlin und auch nur vorübergehend, temporär, wie so vieles in dieser Stadt, die sich immer noch nicht recht dazu entschließen kann, ob sie groß sein möchte oder lieber doch nicht ganz so groß, provinziell oder urban, hochkulturell oder kiezverliebt. Nur in Berlin ist die Entfernung zwischen dem einen großen Opernhaus zum anderen großen Opernhaus derzeit fußläufig zurückzulegen. Forschen Schrittes dürfte man von der Staatsoper zur Deutschen Oper fünf Minuten unterwegs sein, gemächlicheren Schrittes acht oder neun Minuten, immer stracks die Bismarckstraße entlang. Für die Buslinie der Langen Opern- und Theater-Nacht ist das höchstens eine halbe Haltestelle. Allerdings hat Berlin auch noch ein drittes und ein viertes Opernhaus zu bieten, die Komische Oper und die Neuköllner Oper, und im Radialsystem wird ebenfalls Musiktheater angeboten – da kann man den Bus dann schon gut brauchen. Oder, für Gesundheitsbewusste, das Fahrrad. Wobei es an keinem der Berliner Opernhäuser anständige Fahrradständer gibt, das muss auch einmal gesagt werden.

Wenn man so will, dann hat sich die Fußläufigkeit im Stadtplan bloß verschoben. Bis vor einem Jahr residierte die Staatsoper noch in ihrem Stammhaus Unter den Linden, da war’s zur Komischen Oper in der Behrenstraße nur einen Steinwurf. Jetzt, da der marode Knobelsdorff- Bau für mindestens drei Jahre renoviert wird und die Staatsoper im eigens für sie hergerichteten Schiller Theater kampiert, ist die Opern-Doppelspitze in Charlottenburg angesiedelt. Zugespitzt formuliert: So weitläufig ist die Stadt dann auch wieder nicht, dass sich ihre Opernhäuser bei den diversen Verschiebebahnhöfen über kurz oder lang nicht doch räumlich in die Quere kommen. Kaum ist die Staatsoper aus dem Schiller Theater 2013 wieder ausgezogen, soll die Komische Oper dort Einzug halten, ebenfalls aus Renovierungsgründen ...

Das alles, wie gesagt, gibt es nur in Berlin. In Wien und München, in London, Paris und New York sind erstens die Wege zwischen den einzelnen Instituten viel weiter und diese, zweitens, bis auf weiteres offenbar gut in Schuss. Und eine Stadt wie Köln, die ihr Opernhaus demnächst ebenfalls renovieren muss, hat eben nur dieses eine.

Doch kommen sich die Berliner Staatsoper und die Deutsche Oper in ihrer ungewohnten Nachbarschaft wirklich in die Quere? Zu Beginn der Spielzeit hat Staatsopernintendant Jürgen Flimm noch so seine Witzchen gemacht, von wegen er werde Umleitungsschilder auf der Bismarckstraße aufstellen lassen, die die Publikumsströme (zumindest die aus Osten) gar nicht erst bis zur Deutschen Opern kommen ließen. Kirsten Harms, Intendantin der Deutschen Oper, fand das nicht wirklich lustig. Und natürlich kam’s zu nichts dergleichem. Im Gegenteil: Wer heute zwischen den beiden Häusern hin und her wandert, gewinnt den Eindruck einer mehr als friedlichen Koexistenz. Meist muss man am einen vorbei, wenn man ins andere will, ah, die spielen heute Verdis „Traviata“, auch nicht schlecht (jedenfalls kürzer als der Wagnersche „Tristan“ bei der Konkurrenz), oder oh, das neue Plakat für die österlichen Festtage der Lindenoper hängt seit gestern draußen, oder och, heute spielen beide gar nichts. Im Flanieren auf dem Laufenden bleiben, nicht lange in Prospekten oder im Internet wühlen müssen, so lässt sich die Opernhauptstadt Berlin 2011 erleben. Hautnah und handfest. Tag und Nacht.

Und durchaus unterschiedlich, da muss man gar nicht bis zur Kunst vordringen, es genügt ein Blick in die Foyers. Architekt Fritz Bornemann schottet die Deutsche Oper zwar durch eine lange Waschbetonfassade gegen die Bismarckstraße und ihr permanentes Verkehrsgewusel hin ab. Die unmittelbare und bis heute ungeschönte Nachbarschaft von Teppichläden, Supermärkten, Sex-Kinos und Autohäusern aber bleibt trotzdem spürbar, indem die Foyers – gen Westen wie gen Osten großflächig verglast – all dieses gleichsam durch sich hindurch fließen lassen. Oper, sagt dieser Bau, ist keine Weltfluchthöhle. Oper ist wie das Leben, so gemischt.

Auch das Schiller Theater stammt aus dem 20. Jahrhundert, wenngleich es als Immobilie über 50 Jahre älter ist als die Deutsche Oper. Die Renovierung des ehemaligen Littmann-Baus nach dem Krieg und neuerlich vor dem Einzug der Staatsoper 2010 hat ein Ambiente gehobener Sachlichkeit geschaffen: dunkle Holzpanele, blonde Teppichböden, viel Fünfzigerjahre-Schick. Das so genannte gläserne Foyer freilich steht im Vergleich zur Bornemann-Ästhetik für eine ganz andere Welt-Anschauung. Die immens große geschwungene Scheibe ist blind, die Stadt bleibt draußen. Und als wäre das nicht genug, tut die indirekte Beleuchtung des Raums so, als schiene in diesem blinden Draußen da draußen permanent die Sonne (was für Berlin völlig untypisch wäre). Oper, sagt diese Konstruktion, ist, wenn die Zuschauer im Licht stehen. Auch eine Möglichkeit.

Die Liste der Unterschiede und Vergleichbarkeiten, der Pfunde und der Widrigkeiten ließe sich beliebig verlängern. Die einen haben ein eigenes Restaurant, die anderen oft vor der Vorstellung schon keine Brezeln mehr. Die einen haben ein Parkhaus, die anderen dürfen dieses mitbenutzen. Die einen sind doppelt so groß wie die anderen (Deutsche Oper mit fast 2000 Plätzen, Schiller Theater mit gut 1000 Plätzen). Und die einen sind bei sich zuhause, und die anderen leben in der Diaspora.

Diese ganze Dynamik hält der hauptstädtische Opernbetrieb aus, ziemlich gut sogar. Wahrscheinlich profitiert die Dritte im Bunde der Großen, die Komische Oper, ohnehin am allermeisten davon. Im Windschatten seine künstlerische Arbeit tun und nebenbei den Standort Mitte zu repräsentieren und zwar allein, das ist nicht das Schlechteste. Die anhaltende Verschiebung der Kräfte und Gewichte, das Unwägbare auf Zeit mag die Berliner Opernmacher und -gänger bisweilen nervös machen. In dieser Unruhe aber liegt auch das Potenzial. Die Sehnsucht ist immer stärker als der Status Quo. Nur die Sache mit den Fahrradständern sollte endlich geregelt werden.

Christine Lemke-Matwey ist Redakteurin und Opernkritikerin des Tagesspiegels

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