Kultur : Opernreform: Eine Zukunft für die Staatsoper

Der Opernreformprozess hat es schwer. Musik und Musiktheater sind in ihrer Wirkung während der kurzen Dauer einer Legislaturperiode nicht leicht messbar. Oft stehen sie im Verdacht elitärer Minderheitsveranstaltungen. Und dennoch wird ihr Weg in die Zukunft von schlechthin elementarer Bedeutung für die vitale Anziehungskraft der Hauptstadt sein, weit über die Landesgrenzen hinaus. Es geht nicht um das Hobby Einzelner, sondern um Magnetismus und Qualität des Ganzen. Es wird sich nachhaltig auf das weltweite kulturelle Ansehen Deutschlands auswirken und damit auch auf die internationalen Standort- und Investitionsentscheidungen für Berlin. Die Gewinnung und Zuweisung von Mitteln für Kultur und Kunst bleiben eine brennende gesamtgesellschaftliche Aufgabe für die Politik und die Bürger.

Der Kultursenator hat es besonders schwer. Er muss mit belastenden Überlieferungen ebenso wie mit Fehlern der Vergangenheit ringen. In der Zeit des Kalten Krieges sind hier zwei Metropolen im Wettbewerb zueinander gefördert worden, die ohne Teilung so nicht entstanden wären. Heute gehört es zu den schwierigen und wichtigen Aufgaben, bei der Vereinigung im innerstädtischen Ost-West-Verhältnis besonders sensibel vorzugehen. Dass es zwischen den Opernhäusern kaum je zu einer Repertoireabgrenzung gekommen ist, gehört zu den Fehlern der Vergangenheit. Es gibt Besitzstände beim großen Personal der Bühnen, die die fälligen Reformen erschweren. Kurz vor Stölzls Zeit ist eine wichtige Personalentscheidung für Führungsaufgaben rechtsverbindlich getroffen worden, ohne dass dabei ein erkennbarer Bezug zu den notwendigen Strukturmaßnahmen hergestellt worden wäre.

Für diese und andere Hypotheken trifft wohl die Berliner Politik, nicht aber Stölzl irgend eine Verantwortung. Doch ist es jetzt müßig, immer weiter nach Schuldigen zu suchen. Reformen sind absolut unumgänglich. Bisher sind sie durch allzu langes Zögern erschwert worden. Aber ein Hau-RuckVerfahren brächte nur die Gefahr neuer Fehler.

Vor allem geht es um die beiden großen Opern. Beide haben Großes vollbracht. Als West-Berliner Politiker habe ich nicht nur die künstlerischen Leistungen der Deutschen Oper unter Götz Friedrich bewundert, sondern ihre Impulse für die Lebenskraft in unserem damaligen Teil der Stadt und für das internationale Vertrauen zu ihr tief verspürt. Daniel Barenboim hat zur Vereinigung und, in der folgenden Dekade, mit der prägenden Förderung der Staatskapelle und dem von ihm aufgebauten jungen Sängerensemble ein künstlerisches Werk geschaffen, das seinesgleichen sucht und das bis heute zum Ost-West-Verhältnis in der Stadt wie auch zum internationalen Rang Berlins entscheidend beiträgt.

Der Sparzwang ist gebieterisch. Alle müssen beitragen, im Osten und im Westen, und mit angemessenen Zukunftschancen. Hier drohen gegenwärtig der Staatsoper besonders Gefahren. Das Haus muss renoviert werden. Werden dafür wirklich drei Jahre benötigt? Ein Zeitraum, in dem Inventar und Gebäude der Staatsoper "wegwandern" können? Und wie soll die Staatskapelle als Opernorchester überleben können, wenn zusammen mit einer starken personellen Dezimierung eine Repertoirebeschränkung auf die Zeit von Monteverdi bis zur Frühromantik durchgreifen soll? Das ist ein Unding. Die Kulturverwaltung, die sich ganz überwiegend aus dem Westen rekrutiert, wird ihrer Verantwortung gerecht werden müssen. Es geht jetzt also um sachverständige und besonnene Beratung.

Entscheidungen sind immer hart: Aber sie müssen der Haushaltslage, der politischen und menschlichen Fairness und der künstlerischen Erfahrung entsprechen. Es liegt nicht zuletzt auch im Interesse der alten Westberliner, dass die Staatsoper in Berlin-Mitte eine gute Zukunftschance erhält.

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