Kultur : "Opernreform": Pferde-Oper

Rüdiger Schaper

Was wird das Nicht-Wort des Jahres? Wahrscheinlich Opernreform. Denn Oper und Reform sind, zumal in Berlin, eine contradictio in adiecto, wie zum Beispiel schwarzer Schimmel oder weißer Rappe. Auf ein solches Pferd hat Kultursenator Christoph Stölzl gesetzt, als er vor ein paar Wochen sein so genanntes Opernreformpapier vorstellte. Stölzl vergaloppiert sich. Er scheint die politische Lage unterschätzt zu haben. Nimmt man die Staatskapelle derart hart ran, wie es das Stölzl-Papier vorsah, kommt es zwangsläufig zu einem Sturm der Entrüstung. Ein internationaler Star wie Daniel Barenboim mobilisiert eben mal aus dem Handgelenk den Opern-Jet-Set zum Protest und findet bei einem Weltblatt wie "Le Monde" Gehör. Eine ganze Seite widmete die Pariser Zeitung am Wochenende der Berliner Opernkrise. Im Falle von Staatsoper und Staatskapelle kommt noch etwas anderes hinzu: die alte Ost-West-Frage. Nach zehn Jahren Einheit legt sich die PDS natürlich immer noch für "ihre" Staatsoper ins Zeug. Der "Opernkrieg" liefert Wahlkampfmunition. Umgekehrt liegt es den herrschenden West-Politikern geradezu im Blut, die Staatsoper zu Gunsten der Deutschen Oper zu minimalisieren. Es offenbart sich tatsächlich noch einmal, kaum verbrämt, die alte Frontstellung. Sonst hätte sich der Regierende Bürgermeister Eberhard Diepgen nicht derart vehement gegen eine - sinnvolle, von den Musikern und ihrem künftigen Chefdirigenten Simon Rattle gewünschte - Übernahme der Berliner Philharmoniker durch den Bund gewehrt. Denn die Philharmoniker sind in der eingefleischten Ost-West-Optik ein West-Orchester. Stölzl hätte die psychologischen Altlasten erkennen und sich besser präparieren müssen. Warum kommen seine Opern-Experten erst jetzt zu Wort, da die Reform kaum noch eine Chance hat? Und wieso sah er nicht voraus, dass Barenboim Hilfe von ganz oben, aus dem Kanzleramt, bekommen würde? Schließlich war es damals Bundespräsident Richard von Weizsäcker, der Barenboim nach Berlin holte - etwa zur gleichen Zeit, als Stölzl von Helmut Kohls Gnaden das Deutsche Historische Museum übernahm: im Zeughaus vis-à-vis der Staatsoper. Ganz Berlin ist eine tragikomische Oper. Hat Stölzl, der Historiker, das vergessen im politischen Karrieregeschäft?

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben