Opernstar Rolando Villazón : "Ich bin kein Opfer, ich bin Teil des Systems"

Der Tenor Rolando Villazón über Berlin, Barenboim und die Buddenbrooks – und über den Preis des Ruhms

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Ozeane der Musik. Der Sänger Rolando Villazón. Foto: Deutsche Grammophon

Herr Villazón, erinnern Sie sich noch an ihren ersten Berlin-Aufenthalt?



Na klar, das war im November 2000. Ich stand ganz am Anfang meiner Karriere. Die erste Neuinszenierung, die ich in Europa machen durfte, war „Macbeth“ an der Staatsoper. Sie wissen vielleicht, dass ich in Mexiko auf die deutsche Schule gegangen bin. Deutschland war eine Art gelobtes Land für uns. Wir haben so viel über die Geschichte und die Geografie gelernt, die Nationalhymne gesungen. Dann stand ich plötzlich in Berlin, sah die Gebäude, die ich von Fotos aus den Lehrbüchern kannte, sah Fahrradfahrer, die es in Mexiko nicht gibt, sah die Taxis und die Ampelmännchen. Ich habe mir die Leute auf der Straße angeschaut und gedacht: Die sehen alle aus wie meine Lehrer!

In keinem anderen Opernhaus der Welt haben sie mehr Neuinszenierungen gemacht als Unter den Linden, sechs Produktionen: „Macbeth“, „Elisir d’amore“, „La Traviata“, „Carmen“, Massenets „Manon“ und zuletzt im September „Eugen Onegin“.

Ich fühle mich inzwischen wirklich zu Hause in Berlin. Es stand sogar zur Debatte, ob ich nicht mit meiner Familie nach Berlin ziehen sollte. Aus praktischen Erwägungen ist es dann doch Paris geworden, auch wegen des Wetters. Aber jedes Mal wenn ich hierher komme, bin ich wieder begeistert. Berlin ist eine meiner Lieblingsstädte, das sage ich jetzt nicht, weil ich gerade dieses Interview gebe. Wenn ich heute in die Staatsoper komme, werde ich immer noch so empfangen wie bei meinem ersten Engagement. Sicher, ich finde es toll, berühmt zu sein, aber es ist auch wunderbar, Orte zu haben, wo die Leute mir „Hallo, Rolando!“ über den Flur zurufen. Das ist von Anfang an eine Liebesgeschichte gewesen zwischen den Staatsoper-Leuten und mir. In den anderen Opernhäusern kenne ich keine Orchestermitglieder. Die sitzen unten, ich singe oben. Die einzige Ausnahme ist die Staatskapelle Berlin. Das hier ist meine musikalische Familie!

Und wie ist Ihre Beziehung zu Daniel Barenboim?

Ich war immer ganz schlecht bei Vorsingen: Aber als ich zur Staatsoper kam, hat es Barenboim mir so leicht gemacht. Er brachte gleich einen Scherz, als ich auf die Bühne kam, ich sang dann ganz entspannt. Heute ist er nicht nur einer der einflussreichsten Dirigenten in meinem Leben, sondern auch einer der wichtigsten Menschen.

In Paris wohnen Sie mit Ihrer Frau und Ihren beiden Söhnen im Nobelvorort Neuilly. Das ist auch die Heimat von Nicolas Sarkozy. Kennen Sie den französischen Präsidenten privat?

Nein (lacht). Wir leben nicht aus politischen Überzeugungen in Neuilly oder weil wir Snobs wären, sondern weil wir dort unsere Traumwohnung gefunden haben. Um genau zu sein, liegt nur die eine Seite unserer Straße in Neuilly, die andere gehört noch zu Paris. Es ist toll für die Familie, weil wir schnell in der Natur sind. Andererseits habe ich nur fünf Minuten Fußweg zur Metro. Die nehme ich immer, wenn ich in Paris singe, weil die Opéra auf derselben U-Bahn-Linie liegt.

Oft sind Sie aber nicht zu Hause?

Ich will keiner von diesen Vätern sein, der später sagt: Ich habe meine Kinder gar nicht aufwachsen sehen. Darum kämpfe mir Zeit frei in meinem verrückt vollgepackten Terminkalender. Und zum Glück kommen meine Frau und meine Kinder auch gerne mit auf Reisen. Mein Teil bei der Sache ist es, öfter zwischen zwei Aufführungen nach Hause zu fliegen, um die Familie zu sehen.

Können Sie im Flugzeug Ihrer zweitliebsten Passion nachgehen: dem Bücherlesen?

Normalerweise versuche ich zu schlafen. Aber Literatur ist tatsächlich meine große Inspirationsquelle. Ich lese, weil ich es wirklich brauche. 30 Bücher pro Jahr kann ich bei meinem Terminplan schaffen. Als Kind hatte deutsche Literatur auf mich einen enormen Einfluss. Nach 25 Jahren habe ich mir gerade wieder Hesses „Steppenwolf“ vorgenommen. Ich habe nur drei Bücher in meinem Leben zweimal gelesen, die anderen beiden aus Versehen, weil ich vergessen hatte, dass ich sie schon kannte. Aber der „Steppenwolf“ gehört unbedingt auf meine Liste für die einsame Insel. Genauso wie „Berlin, Alexanderplatz“. Von Thomas Mann möchte ich mir als nächstes die „Buddenbrooks“ vornehmen.

Die laufen gerade im Kino.

Ich bin kein großer Freund von Literaturverfilmungen! Liebe Regisseure, lasst die Romane in Ruhe! Bücher sagen alles, was sie zu sagen haben, selber. Sobald ein Film herauskommt, hören die Leute auf, das Buch zu lesen. Zum Beispiel „Herr der Ringe“ – wobei das immerhin gutes Kino ist. Aber denken Sie an die grauenhafte Verfilmung der „Unendlichen Geschichte“, was für ein Desaster für Michael Ende! Mit der Verfilmung riskieren wir, die tieferen Empfindungen, die das Lesen im Vergleich mit dem Schauen immer auslösen wird, zu töten. Die Poesie steckt im Text, sie lässt sich nicht in Filmdialoge auflösen.

Nun gibt es ja auch Opern, die auf Romanen basieren, etwa Puccinis „La Bohème“ oder Massenets „Manon“.

Ja, aber bei der Oper ist es genau umgekehrt. Die kann Sie sogar animieren, hinterher das Buch zu lesen, weil ein Libretto die Geschichte notgedrungen sehr verkürzt erzählt. Verdis „Otello“ oder Gounods „Roméo et Juliette“ – das hat wenig zu tun mit Shakespeare. Da bleibt noch viel zu entdecken übrig.

Ein ähnlicher Fall ist auch Tschaikowskys Oper „Eugen Onegin“ nach Puschkin.

Perfekt wäre es, das Buch in Originalsprache zu lesen. Natürlich werde ich dafür nicht Russisch lernen können. So nehme ich eben Nabokovs Übersetzung ins Englische. Ein genialer Komponist braucht eine große Geschichte, dann kann er ihr seine unsterbliche Musik hinzufügen.

Im Gegensatz zu vielen anderen Ländern wird in Deutschland traditionell sehr lange geprobt, normalerweise sechs Wochen für eine Neuinszenierung.

Das ist lächerlich lang. Die sechs Wochen sind vor allem für den Regisseur und die Technik da. Der Regisseur macht vielleicht zum ersten Mal „La Bohème“, die Technik braucht Zeit, um sich einzurichten. Wir Sänger machen unsere Partien aber im Normalfall nicht zum ersten Mal, und selbst wenn, sechs Wochen sind sehr lang. Warum, glauben Sie, werden so viele Sänger während der Probenzeit krank, warum haben sie währenddessen tausend andere Verpflichtungen? Ich liebe die Detailarbeit, aber bei der Oper kann man nicht wie im Schauspiel proben. Wir müssen die Emotionen nicht erst freilegen, die sind schon in der Musik! Der Regisseur muss nur die richtigen Bewegungen finden, damit das Publikum die Gefühle versteht. Was wir Sänger brauchen, sind klare Anweisungen. Wir müssen uns schließlich auch noch darum kümmern, unnatürliche Klänge hervorzubringen. Darum müssen wir uns mit unseren Bewegungsabläufen wohl fühlen. Sonst wirken sie abends in der Vorstellung künstlich.

Sängerstars wie Sie werden heutzutage bis zu fünf Jahre im Voraus gebucht.

Das System der Oper hat merkwürdige Auswüchse. Es gibt immer mehr Sänger, die sich in einem Alter von der Bühne zurückziehen, in dem sie eigentlich auf dem Zenit sein müssten. Ich merke auch manchen Kollegen an, dass sie vom Opernbetrieb erschöpft sind. Wenn wir nicht aufpassen, riskieren wir, den Enthusiasmus für die Kunst zu verlieren. Ich selber war an diesem Punkt angelangt, als ich 2007 meine Pause eingelegt habe. Es ist doch absurd, uns fünf Jahre im Voraus zu buchen. Die wollen jetzt von mir wissen, was ich 2014 singen möchte! Hallo, spüren die noch was? Welcher Künstler weiß schon, was er in fünf Jahren malen, welches Buch er dann schreiben will? Das ist doch kunstfeindlich. Zwei Jahre im Voraus sollten das Maximum sein.

Nervt Sie manchmal der Starrummel, der um Sie veranstaltet wird?

Ja, aber ich bin kein Opfer, ich bin Teil des Systems. Stecken wir nicht den Großteil unserer Kraft darein, berühmt zu werden, ein Image von uns zu schaffen, Tickets und CDs unters Volk zu bringen? Und vergessen wir darüber nicht, worum es wirklich geht: um die Leidenschaft für die Kunst? Ich sage ja nicht, dass Werbung überflüssig ist, aber wenn ich in einem Theater arbeite, wo unglaublich viel Geld für Promotion ausgegeben wird, und dann gibt es nicht genug Proben mit dem Orchester, weil das angeblich zu teuer ist – geben wir das Geld noch richtig aus?

Im März soll mal wieder ein ganz neuer Rolando Villazón geboren werden: Sie bringen ein Album mit Arien von Georg Friedrich Händel heraus, am 30. April singen Sie das Programm dann in Berlin.

Ein Künstler muss stets auf der Suche nach etwas sein, das ihn neu entflammt. Wenn Sie immer dasselbe machen oder nur das, was andere von Ihnen wollen, brennen Sie nur aus. Händel war wie eine Frischzellenkur für mich. Die Barockmusik hat mich gezwungen, die Regeln einer ganz anderen Musikepoche zu respektieren – im Vergleich zu meinem normalen Repertoire. Sechs Monate lang habe ich mich in den Stil eingearbeitet. Technik war damals das Wichtigste. Bei Verdi und Puccini steht die Stimme mit ihren individuellen Farben im Vordergrund. In der Barockmusik können Sie auch mit einer kleineren Stimme Großartiges erreichen, wenn Sie die richtige Technik haben. Bei dieser Musik können Sie nicht der Surfer oben auf der Welle sein, Sie müssen einer der Wassertropfen bleiben.

Das Gespräch führte Frederik Hanssen.


ZUR PERSON

Rolando Villazón, geboren am 22. Februar 1972 in Mexiko-City, ist der derzeit berühmteste, erfolgreichste und wohl auch geschäftstüchtigste Operntenor der Welt. Nach der Ausbildung in Mexiko und den USA begann er seine internationale Opernkarriere 1999 in Genua in Massenets Manon. Seither gastiert er an den wichtigen Opernhäusern der Welt, ganz besonders an der Berliner Staatsoper.

Nach Gesundheitsproblemen und Absagen von Verpflichtungen zog er sich 2007 für einige Monate zurück, um „wieder die ganze Vitalität zu erlangen, die das Publikum und auch ich selbst von mir gewohnt sind“. Anfang 2008 kehrte er auf die Bühne zurück – und triumphal zum Finale der Fußball-Europameisterschaft, gemeinsam mit Plácido Domingo und Anna Netrebko.

Seine neue CD mit Arien von Händel erscheint im März. Am 30. April gastiert Villazón mit diesem Programm in Berlin.

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