Opernstreit : Kunst kommt von Kaufen

Frederik Hanssen

Er hat seinen neuen Job noch gar nicht angetreten, da sorgt er schon für jede Menge Wirbel: Alexander Pereira, in diesem Sommer noch Intendant der Salzburger Festspiele, ab 1. Oktober dann Chef des berühmten Teatro alla Scala. Eigentlich begann alles ganz harmlos, mit einer Pressekonferenz in Österreich, bei der Pereira bekannt gab, dass er seine Amtszeit nicht, wie prognostiziert, mit einem Minus, sondern mit einem Bilanzplus von 400 000 Euro beenden werde – weil es ihm gelungen sei, sieben Salzburger Produktionen nach Mailand zu verkaufen. Für insgesamt 1,28 Millionen Euro. Mozarts „Lucio Silla“, in prachtvoller historischer Ausstattung, ein bezaubernder „Falstaff“, der passenderweise im Künstler-Seniorenheim „Casa Verdi“ in Mailand spielt, dazu weitere repräsentative Produktionen, sieben an der Zahl. All diese Opern wären in Salzburg eh „abgespielt“ gewesen, also verschrottet worden. Helga Rabl-Stadler, die Präsidentin des Festivals, schwärmte von einer Win-Win-Situation.

In Mailand sieht man das allerdings ganz anders: Warum, fragt man sich dort, soll der italienische Steuerzahler für importierte Inszenierungen bezahlen? Bürgermeister Giuliano Pisapia zeigte sich unangenehm überrascht, zumal Alexander Pereira derzeit noch gar keine Vollmacht besitze, über solche Summen zu verfügen. Aus dem Aufsichtsrat der Scala heißt es, bei der nächsten Sitzung am Montag könnte bereits der Kopf des Neuen rollen.

Nun ist es im internationalen Opernbusiness ja durchaus üblich, Produktionen an mehreren Bühnen zu zeigen: Jürgen Flimm, Pereiras Vorgänger in Salzburg, hat von dort sowohl Claus Guths „Don Giovanni“ ins Schillertheater mitgebracht als auch Luigi Nonos Oper „Al gran sole“, die im Kraftwerk Mitte für Furore sorgte. Ebenso waren fast alle Produktionen, die Daniel Barenboim an der Scala herausgebracht hat, auch in Berlin zu sehen.

Mailand ist 2015 Gastgeber der Expo, und darum soll von Mai bis Oktober im Opernhaus der Vorhang jeden Abend hochgehen. Dafür aber braucht das Haus Spielmaterial. So dürften sich Pereiras Salzburger Einkäufe erklären. Und ziemlich sicher werden die 1,28 Extra-Millionen für die Importware aus dem Kulturetat der Expo kommen. Jetzt muss der findige Impresario am Montag nur noch seinen Aufsichtsrat davon überzeugen, dass der Deal auch für Mailand eine Win-Win-Situation darstellt.

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