Kultur : "Opfer politischer Gewalt haben ein Recht auf Wiedergutmachung"

Thomas Brussig

Eine Entgegnung: Der Autor des Films "Sonnenallee" meldet sich zu WortThomas Brussig

Auf die Strafanzeige von "Help e.V." gegen den Film "Sonnenallee" hat nach Regisseur Leander Haußmann nun auch Drehbuch-Autor Thomas Brussig reagiert. In einem Radio-Interview sagte Haussmann, er habe die auf den 11. 11. 1999 datierte Anzeige für einen Faschingsscherz gehalten. Brussig geht in seinem Offenen Brief an die Hilfsorganisation für Opfer politischer Gewalt auf deren Argument ein, im Film tanze eine Gruppe Jugendlicher "vor der Mordmauer - aber nicht etwa nach dem Fall der Mauer, sondern zu Zeiten, als diese Mauer blutige Alltagsrealität war." Das Ermittlungsverfahren gegen Haußmann ist noch nicht abgeschlossen.

Sehr geehrter Herr Hussock von "Help e. V."

einer dpa-Meldung entnahm ich, dass "Help e. V." gegen den "Sonnenallee"-Regisseur Leander Haußmann Strafanzeige wegen "Beleidigung der Maueropfer" stellte. Da ich derjenige bin, der ihn zu diesem Abenteuer anstiftete, können Sie auch gegen mich Strafanzeige stellen.

Zu reden ist von einer Beleidigung. Kein Zweifel - es gibt sie. Doch die "Beleidigung der Maueropfer" besteht nicht darin, was "Sonnenallee" zeigt. Die Beleidigung liegt außerhalb des Films. Sie besteht darin, dass sich kaum jemand für die Opfer politischer Gewalt in der DDR interessiert, sie besteht darin, dass es keine Reue gab und gibt, sondern nur allgemeines Schulterzucken von Menschen, die plötzlich keine Täter mehr gewesen sein wollen. Und wo es keine Täter gibt, kann es auch keine Opfer geben. Dass viele Opfer eine derartige Entwertung ihrer Erfahrungen erleben, sehe ich wohl, und ich sehe es mit Schmerz.

Die Opfer politischer Gewalt haben ein Recht auf Wiedergutmachung für das erlittene Unrecht. Dieses Recht steht auf dem Papier, es einzulösen ist ein höchst ehrenwertes Anliegen Ihres Vereins.

Ihre Klienten berichten sicher oft, dass sich niemand für ihr Schicksal und ihre Gefühle interessiert. Ich interessiere mich für die Gefühle der Opfer, die auf dem erlebten Unrecht sitzengelassen werden, für ihre Hilflosigkeit und ihre Verbitterung. All diese Gefühle sind mir ein Theaterstück wert (das im Herbst diesen Jahres uraufgeführt wird).

Mir ist egal, was eine ehemalige Schuldirektorin oder eine Filmkritikerin zu "Sonnenallee" meinen, aber mir ist nicht egal, wie die Opfer politischer Gewalt, ihre Klienten also, damit umgehen. Wenn es Sie interessiert - Ihre Anzeige enttäuscht mich, aber sie wundert mich nicht. Ein Trauma ohne Resonanz will sich Gehör verschaffen. Und das um so dringender, je erfolgreicher "Sonnenallee" ist: Bald wird die magische 2,3 Millionen-Grenze geknackt sein, und "Sonnenallee" wird mehr Zuschauer haben als die SED Mitglieder hatte.

Wie stellen Sie sich eigentlich den Prozess vor? Ein Richter, der voller Vorfreude ins Gerichtsgebäude kommt, weil er in der Beweisaufnahme "Sonnenallee" zeigen wird, ein proppenvoller Gerichtssaal mit Leuten, die in den Genuss einer Gratis-Vorstellung kommen wollen, kichernde Schöffen ... Spätestens dann kapieren Sie, dass die "Sonnenallee"-Macher einzig und allein etwas in die Welt gesetzt haben, was die Gefühle von vielen Menschen trifft.

Sie wissen, dass Ihre Anzeige keine Aussicht auf Erfolg hat; das Grundgesetz schützt die Freiheit der Kunst. Womit bezahlen Sie einen Prozess, den Sie nur verlieren können? Ich darf diese Frage stellen, denn ich habe "Help e. V." im Oktober 1999 eine Spende zukommen lassen, und zwar in einer Höhe, wie ich nie zuvor gespendet habe. Ich durfte annehmen, dass diese Spende zu einem guten Zweck vewendet wird; in meinem Bekanntenkreis gibt es ein Stasi-Opfer, das dank "Help e. V." entschädigt wurde. Ich sehe mich nun in einer paradoxen Situation: Ich muss annehmen, dass die Spende, die ich Ihnen machte, dazu genutzt wird, gegen einen Regisseur vorzugehen, weil der einen Stoff verfilmte, den ich ihm antrug.

Eine Opferorganisation sollte die unselige Isolation zwischen verletztem Opfer und desinteressierter Gesellschaft zu überwinden versuchen, anstatt diese Isolation durch lächerliche Anzeigen mit noch lächerlicheren Begründungen zu verhärten.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben