Kultur : Opfer, Täter, Kinder

„Lost Children“ und „Weiße Raben“: zwei erschütternde Dokumentarfilme porträtieren grausam unschuldige Soldaten

Christina Tilmann

Man will es nicht sehen. Man will es nicht hören. Aber gerade deshalb muss man es sehen. Und hören, wie vier Kinder erzählen von Gräueltaten, die zu begehen sie gezwungen waren. Sie erzählen es leise, der Blick abgewandt, und dann wieder gleichgültig, kalt. Erzählen von der Mutter, die erschossen wurde vor den Augen ihres Sohns. Von zwei Knaben, die ermordet wurden vor den Augen einer ganzen Kinderarmee, die damit wusste: Das droht euch, wenn ihr flieht. Und von den jungen Mördern, die das Gehirn eines Ermordeten trinken mussten, aus der Hirnschale.

Es reicht, wenn man das hört, erzählt von hellen Kinderstimmen. Man muss es nicht sehen, um es sich vorstellen zu können. Die wenigen Bilder, die die beiden Regisseure Oliver Stoltz und Ali Samadi Ahadi am Anfang und Ende zeigen, sind schon fast zu viel: Leichen, die im Busch liegen, abgetrennte Glieder. Ein Beleg dafür, dass die Kinder ihre Geschichten nicht erfunden haben, sagen die Filmemacher. „Lost Children“ ist ein Dokumentarfilm über Kindersoldaten in NordUganda. Kinder, die von den Milizen der „Lords Resistance Armee“ (LRA) entführt und zu Killermaschinen abgerichtet wurden. Kinder als Soldaten sind bequem: Sie kosten nichts, sie wollen nichts, sie sind leicht verführbar und ersetzbar. Kinder als Soldaten sind das dankbar Schrecklichste: unschuldige Täter, Opfer ohne moralische Grenzen. Am meisten, so Ali Samadi Ahadi, habe er sich vor dem jüngsten, dem achtjährigen Opio gefürchtet. Der habe einen Blick gehabt, wenn er etwas verweigerte, dass man wusste: Man insistiert besser nicht.

Opio ist der Einzige, der das Ende des Films nicht mehr erlebt hat. Er ist in sein Dorf zurückgekehrt und dort erneut von der LRA entführt worden. Ob er wieder im Busch kämpft oder nicht mehr lebt, man weiß es nicht. Doch die anderen drei, Francis, Jennifer und Kilama, haben überlebt. Und sie haben ein neues Leben gefunden: als eifriger Einserschüler, als Näherin und Mutter, als Heimkind. Und träumen von einer Zukunft als Pilot oder LKW-Fahrer. Ein zaghaftes Happyend.

„Lost Children“ lief im Panorama-Programm der diesjährigen Berlinale – und war für viele Zuschauer der wichtigste Film dieses an politisch wichtigen Filmen nicht gerade armen Festivals. Weil er hinsehen lehrt, wo die Welt lieber wegsieht, weil er vom unerhörten Mut der Filmemacher zeugt, dort hinzugehen, wo seit Jahren kein Weißer mehr hingegangen ist, und weil er, mitten im Inferno eines seit 20 Jahren andauernden Kriegs und einer Gesellschaft, die ihre Zukunftshoffnung im Kampf verheizt, noch immer von politischen Lösungen träumt.

Ein anderer Film, ein ähnliches Sujet: „Weiße Raben“ ist einer Region gewidmet, die uns zwar geografisch näher, aber in der öffentlichen Wahrnehmung nicht minder verdrängt ist: Tschetschenien. Auch „Weiße Raben“ lief im Panorama der Berlinale, ein Dokumentarfilm über sehr junge Soldaten, der vom Leben danach erzählt. In diesem Fall sind es junge Russen, die 2001 in Tschetschenien eingesetzt waren. Zwei Jahre lang haben die Regisseure Johann Feindt und Tamara Trampe die Heimgekehrten begleitet. Geldnöte, Arbeitslosigkeit, Gleichgültigkeit hatten sie einst nach Tschetschenien getrieben. Sie haben vor ausgebrannten Gebäuden posiert und in Briefen nach daheim von „keinen besonderen Vorkommnissen“ berichtet. Sie sind heimgekehrt – und nichts war wie zuvor.

Kein Happyend. Nicht einmal so etwas wie Hoffnung. Die Heimkehrer werden vom Staat im Stich gelassen, allein der Fürsorge der hilflosen Eltern anvertraut. Dabei ist es keineswegs das schlimmste Schicksal, im Krieg verwundet oder verstümmelt worden zu sein. Petja, der vor der Einberufung mit seiner Familie wodkaselig Abschied feierte, hat im Krieg ein Bein und einen Arm verloren. Nun lernt er an Krücken mühsam gehen, mit Prothese, sitzt abends am Computer und spielt Ballerspiele. Schlimmer ergeht es Kiril, der scheinbar unversehrt heimkam. Still war er, wollte nicht erzählen, was er erlebt hat, träumte von Job und Heirat, und dann geht er hin, bricht in eine Wohnung ein und missbraucht zwei kleine Kinder. Das Schicksal zweier tschetschenischer Geiseln, die auf einem Pressebild zu sehen sind, lässt auf Nachfrage alle kalt.

Die Eltern sind ratlos. Sie verstehen ihre Söhne nicht mehr, um deren Behandlung im Krankenhaus sie gekämpft haben. Das Komitee der Soldatenmütter Russlands ist gegründet worden, um Eltern zu helfen: Die Frauen verhandeln mit dem Militär, um Soldaten frei zu bekommen oder überhaupt erst zu erfahren, wo sie sind. Doch wenn die Kinder zurückkehren, ist das längst nicht das Ende.

„Er erzählt überhaupt nichts vom Krieg“, klagt Petjas Mutter. Der Vater leidet, schweigt, trinkt. Der Sohn sitzt am Computer. Die Mutter von Kiril hat ihn im Gefängnis besucht und damals noch stolz neben ihm posiert. Sie hat eine Wohnung für ihn gefunden, mit ihm für einen Neuanfang gehofft. Zehn Tage nach seiner Verurteilung zu 15 Jahren Arbeitslager stirbt sie vor Kummer. Kiril wäre sogar nach Tschetschenien zurückgegangen.

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