Opfer und Erinnerung : Für die gute Sache

Die Bundeswehr bekommt in Berlin ein Ehrenmal. Wie gedenkt man der Soldaten, die im Ausland sterben? Eine Diskussion darüber fehlt.

Herfried Münkler
Ehrenmal
Unter Tarnnetzen aus Gold. Der Entwurf für das Bundeswehr-Ehrenmal. (Modelfoto) -Foto: Meck Architekten

Es wird vieler Menschen gedacht in Deutschland, und dazu haben wir angesichts unserer Geschichte auch allen Grund. Schwieriger wird es jedoch, sobald wir uns der jüngsten Geschichte nähern, in der Krieg und Gewalt zu unser aller Glück keine größere Rolle mehr gespielt haben. Auch hier hat es Opfer gegeben, wenn auch nicht in großer Zahl: die Toten an Mauer und Stacheldraht etwa oder die von Terroranschlägen der RAF und inzwischen auch die von Auslandseinsätzen der Bundeswehr.

Das entscheidende Merkmal dieser Einsätze ist, dass sie weniger im eigenen deutschen Interesse als vielmehr in dem der Menschen des Einsatzgebietes erfolgen. Es handelt sich um politisch wie moralisch begründete Aktionen, bei denen entsandte Soldaten (und Polizisten) ihr Leben verloren haben. Es gibt allen Grund, ihrer zu gedenken. Dennoch tun wir uns schwer damit. Warum eigentlich?

Die Gräber der getöteten Soldaten befinden sich in ihren früheren Wohnorten, dort, wo sie als Söhne, Brüder, Ehemänner und Väter gelebt haben und wo es Verwandte und Freunde gibt, die um sie trauern. Dementsprechend wird ihrer dort gedacht. Bei einem politischen Gedenkort geht es jedoch um die Toten nicht als Verwandte und Freunde, sondern als Soldaten, die sich für politische Ziele und moralische Werte in die Pflicht nehmen ließen. Das Persönliche verschwindet im Offiziellen, was dann auch heißt, dass das Offizielle durch das Persönliche nicht geschützt ist.

Pietät kann als Schutzmantel für das Denkmal nur marginal in Anspruch genommen werden. Es steht für den politischen Auftrag, in dessen Rahmen die Soldaten getötet wurden. Man muss damit rechnen, dass es politisch motivierten Attacken ausgesetzt ist. Zerstörungen, Beschmierungen und vor allem Beschriftung mit politischen Parolen sind vorauszusehen, die am Gedenkort eine Aufmerksamkeitsprämie bekommen.

Der Effekt des Gedenkorts wäre dann das Gegenteil dessen, was mit ihm beabsichtigt würde. Soll man ihn Tag und Nacht bewachen, um ihn gegen Bemalungen zu schützen? Das wäre gegen den Sinn eines Gedenkorts. Eine Platzierung im öffentlichen Raum ist unter diesen Umständen kaum möglich. Das Gelände des Verteidigungsministeriums, der Bendler-Block, war somit die naheliegende Lösung. Über der Frage des Ortes ist die der Form in den Hintergrund getreten, und mit der Entscheidung für den Bendler-Block ist das Problem der ästhetischen Gestaltung weithin uninteressant geworden. Eine öffentliche Debatte ist jedenfalls nicht geführt worden.

In vielen Städten und Dörfern stehen die Denkmale für die Gefallenen so mancher von Berlin aus in Gang gesetzter Kriege. Mit denen müssten wir politisch eigentlich sehr viel größere Probleme haben. Ist er nicht mit denselben Kategorien zu beurteilen, mit denen wir sonst die Welt der Gedenkorte durchschreiten?

Die erste Antwort darauf lautet, dass es Orte eines heißen und solche eines erkalteten Erinnerns gibt. Der letzte deutsche Krieg liegt mehr als sechs Jahrzehnte zurück. Die Erinnerung daran ist, trotz entgegengesetzter Bemühungen, verblasst, und die politischen Konstellationen, aus denen heraus dieser Krieg geführt wurde, sind längst Geschichte. Nur am Soldatenfriedhof im brandenburgischen Halbe kommt es regelmäßig zu rechtsradikalen Aufmärschen. Die sind für die Republik eher peinlich als politisch folgenreich.

Zum Zweiten geht der Unterschied zwischen „Kriegsdenkmälern“, wie sie auf jedem Dorfanger stehen, und dem Gedenkort für die Getöteten der Auslandseinsätze aus der sozialen Einbettung hervor: Was auch immer auf dem Gedenkstein an markigen Parolen oder Formeln der Trauer zu lesen sein mag – bedeutsam sind die Namen der Gefallenen und vielleicht noch Ort und Zeitpunkt ihres Todes. Es sind die Namen derer, die aus dem Ort stammen und dort Freunde und Verwandte hatten. Der politische Auftrag, der sie in den Tod geführt hat, verschwindet hinter der Verbundenheit mit dem unmittelbaren Umfeld. Das schützt die Denkmale davor, zum Austragungsort politischer Meinungs- und Gesinnungskämpfe zu werden. Dieser Schutz geht dem Gedenkort für die Getöteten der Auslandseinsätze ab.

Eine dritte Antwort schließlich zielt auf einen terminologischen Unterschied. Ganz selbstverständlich sprechen wir bei den klassischen Kriegstoten von „Gefallenen“, während die Opfer von Auslandseinsätzen „Getötete“ heißen. Die sprachliche Separierung beider Gruppen mag politisch gute Gründe haben, nimmt aber denen, die als „getötet“ geführt werden, die Aura des Sakralen. Im Begriff des „Fallens“, den man auch als puren Euphemismus zurückweisen kann, ist eben die Opferqualität des Todes enthalten.

Was im Deutschen sprachlich eins ist, Opfer, wird im Lateinischen und den sich daran anlehnenden Sprachen sehr genau unterschieden: victima und sacrificium. Nur Letzterem haftet die Idee des stellvertretenden und rettenden Opfers an, die aus dem religiösen Bereich auf die Toten von Kriegen übertragen worden ist. Die Getöteten der Auslandseinsätze müssen gemäß offizieller Sprachregelung ohne diese Sakralisierung auskommen, und das ist ein erhebliches Manko, wenn es um die sakrale Aura ihrer Gedenkstätte geht.

Womöglich steht dahinter aber nicht nur die terminologische Sorgfalt von Ministerialbeamten, sondern auch ein sachliches Problem: die mit humanitären Interventionen einhergehende Verpolizeilichung des Militärs, die einer Opferassoziation im Sinne des sacrificium entgegensteht. Die Idee des stellvertretenden oder rettenden Opfers ist mit einem Auslandseinsatz zur Durchsetzung von Menschenrechten nur schwer zu verbinden, jedenfalls was das Entsendeland anbetrifft. Das rettende Opfer bringt der Soldat, wenn überhaupt, für die Menschen im Einsatzgebiet. Aber die stellen das Denkmal ja nicht auf. So verlängert sich das Dilemma der humanitären militärischen Interventionen schließlich bis zum Erinnerungsort für die dabei Getöteten: dass diese Interventionen zwar wie kaum ein anderer Militäreinsatz politisch und moralisch gut begründet sind, dass sie aber selten aus den vitalen Interessen des Entsendelandes heraus erfolgen. Sie sind Ausdruck unserer Großzügigkeit, die wir auch einstellen können, wenn sie uns auf Dauer zu teuer kommt. Darüber befindet das Parlament Jahr für Jahr.

Tote, die der Preis politischen Kalküls sind, können leicht in eine Anklage gegen das politische System umgemünzt werden, zumal dann, wenn sie zu sakrifiziellen Opfern stilisiert werden. Stellt eine zentrale Gedenkstätte für Bundeswehrsoldaten, die als Tote aus der Fremde heimkehren, also eine Gefahr dar? Die bescheidene Randständigkeit des Gedenkorts im Bendler-Block bietet nicht den Raum für Heldenerzählungen. So bleibt das Parlament geschützt vor der Infragestellung seiner Entscheidung durch eine Bilanzierung der Opfer nach heroischen Gesichtpunkten.

Der Autor ist Politikwissenschaftler an der Humboldt-Universität. Zuletzt ist von ihm das Buch „Imperien. Die Logik der Weltherrschaft“ (Rowohlt) erschienen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben