Kultur : Opfergabe

Deutsche Oper: „Gisei“ und „Die Dorfschule“ konzertant.

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Es gibt wahrscheinlich wenige Taten, die ungeheuerlicher sind als die Opferung des eigenen Kindes, um ein anderes zu retten. In „Terakoya“, einem Drama des japanischen Dichters Takedo Izumo aus dem 18. Jahrhundert, geschieht es: In einer frühmittelalterlichen Dorfschule versteckt der Lehrer Genzo den Sohn des rechtmäßigen Herrschers. Als der Samurairitter Matsuo dahinterkommt, fordert er den Kopf des Jungen. Genzo und seine Frau beschließen, stattdessen einen Knaben zu töten, der dem Thronerben zum Verwechseln ähnlich sieht. Es ist, wie sich am Ende herausstellt, Matsuos eigener Sohn, der mit diesem Opfer den Verrat, den er am alten Herrscher begangen hat, sühnen möchte. Wie unendlich fremd erscheinen unserer Gegenwart solche längst vergessenen Begriffe von Treue, Ehre und Pflicht.

Der junge Carl Orff entdeckte das Drama 1913 in der Übersetzung von Karl Florenz und machte daraus seine erste Oper „Gisei“ (Das Opfer), die erst 2010 von John Dew in Darmstadt uraufgeführt wurde. Wenige Jahre nach Orff vertonte Felix von Weingartner, den man eigentlich nur als Dirigenten kennt, den Stoff noch einmal unter dem Titel „Die Dorfschule“. Andreas K. W. Meyer, mit Kirsten Harms scheidender Chefdramaturg der Deutschen Oper, hat jetzt zum Abschied noch einmal in die Ausgrabungskiste gegriffen und die beiden völlig unbekannten Operneinakter in einem Abend konzertant aufführen lassen.

Eine Überraschung ist vor allem Weingartner: Seine Partitur ist dramatisch, packend, spannungsgeladen, unterlegt von bedrohlichem Streicherflimmern, ein latenter Albtraum liegt über allem, der sparsame Einsatz von Exotismen erinnert an Puccinis „Turandot“. Weingartner war mit 57 Jahren ein reifer, erfahrener Komponist. Orff ist dagegen viel tastender, da probiert sich jemand aus. Banale Szenen sind mit gewaltiger Musik unterlegt, der Erzählfluss ist zäher, die Musik symbolistischer, weiter weg vom Geschehen, die Orchesterfarben dunkler, viel Bässe, Fagott, Pauken. Orffs eigenes, abfälliges Urteil über sein Frühwerk erscheint dennoch übertrieben, was hier vorliegt, sind zwei beeindruckende Dokumente der Anverwandlung fernöstlicher Kultur, wie sie das frühe 20. Jahrhundert häufig versucht hat.

Clemens Biber und, nach der Pause, Markus Brück leihen Matsuo ihre Stimme. Neben ihnen hinterlassen Elena Zhidkova mit rotverhangenem Mezzo und Ulrike Helzel mit brennendem Verzweiflungssopran den stärksten Eindruck, Jacques Lacombe dirigiert mit viel Hingabe zum Detail. Der Abend zeigt wieder einmal, wie rätselhaft die Wege der Musikgeschichte sind. Weingartner hat acht Symphonien komponiert, wieso wird er so gut wie nie aufgeführt? Viele Ausgrabungen sind ja schon nach der Premiere wieder vergessen, hier ist es anders: Gerne mehr davon. Udo Badelt

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