Kultur : Opium fürs Volk

Jörg Plath

Wenn 10 Juden diskutieren, so lautet ein israelischer Witz, sind 11 Meinungen zu hören. Über vier diskutierende Europäer gibt es keine Witze - mit gutem Grund, wie am Sonntagabend auf der Veranstaltung "Europa - eine christliche Wertegemeinschaft?" zu erfahren war. Den vom Haus der Kulturen der Welt und dem Holtzbrinck Veranstaltungsforum zusammengerufenen Abendländern fehlte es zwar nicht an Meinungen, aber an einem gemeinsamen Thema. Das angekündigte jedenfalls führte ein Mauerblümchendasein.

Europa begreift sich, wie die Behandlung der in die EU strebenden Türkei zeigt, nicht erst seit den Terroranschlägen vom 11. September im Gegensatz zum Islam. Freilich gebe es "den Islam" nicht, argumentiert Michael Gilsenan, ein in New York lehrender Anthropologe und Spezialist für den Nahen Osten, in seinem einleitenden Vortrag. Dessen Ausprägungen seien nicht nur von Land zu Land verschieden, sondern zudem ein Produkt des Kolonialismus. Zur Herrschaftssicherung hätten die westlichen Mächte den Islam im 19. Jahrhundert nach christlichem Vorbild "modernisiert": ihn von der Politik getrennt, Institutionen mit klaren Zuständigkeiten und Hierarchien eingeführt, Riten festgeschrieben und teilweise erst erfunden.

Nach dem langen, mit zahlreichen Beispielen angereicherten Referat herrscht Ratlosigkeit. Gilsenan verweigert die gewünschte Folie, vor der sich trefflich über ein säkulares oder "postsäkulares" (Jürgen Habermas) Europa streiten lässt. Ohnehin verspürt der Berliner Politikwissenschaftler Ulrich K. Preuß mehr Lust, die von Michel Foucault und Edward Said inspirierten Thesen Gilsenans zu widerlegen. Moderator Volker Panzer (ZDF nachtstudio) mag es ihm nicht verwehren, auch dann nicht, als Preuß Gilsenan triumphierend fragt, warum kein islamischer Staat demokratisch verfasst sei.

Das ziellose Gespräch bringt den Essayisten Richard Herzinger, "Tagesspiegel"-Lesern gut bekannt, beinahe in Rage. Wie ein hämischer Kommentar klingt seine Eingangsbemerkung, Europas zentrale Fähigkeit sei die zur Selbstkritik. Herzinger hält es für eine Gefahr, mit der Religion die säkularisierte Gesellschaft neu definieren zu wollen. "Wir erleben gegenwärtig einen Säkularisierungsschub. Er löst Konflikte aus, weil es eine Legitimationslücke durch säkulare Institutionen gibt." Der legitimierende Rückgriff auf Religion sei aber verfehlt. "Das Einzige, was der Westen zu bieten hat, ist der fortlaufende Prozess der Ausbildung von Komplexität."

Ulrich K. Preuß stimmt dem letzten Satz zu, hält die Religion jedoch für notwendig - und kehrt zum Islam zurück. Als "radikaler Eurozentrist" fordere er von anderen Kulturen Toleranz. "Was tun Sie", fragt Richard Herzinger, "wenn die anderen Kulturen von Toleranz nichts halten?" Darauf könne er einiges antworten, meint Preuß, wolle jedoch lieber Gilsenan noch eine Frage stellen.

So war Europa an diesem Abend keine christliche Werte-, sondern eine Wartegemeinschaft. Mögen sich die Werte spätestens zur zweiten Veranstaltung "Globale Suche nach Spiritualität" am 11. 11. um 11 Uhr einstellen. Das Datum macht Kennern rheinischer Bräuche allerdings wenig Hoffnung.

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