OPULENTER PIANO-POPRufus Wainwright : Sonnenschein in Sanssouci

Jörg W,er

Als Rufus Wainwright 2006 in Berlin Quartier bezog, um sich für eine neue Platte inspirieren zu lassen (und bei seinem damaligen Lover zu wohnen), wollte er „Lederhosen tragen und sich barocke Gebäude ansehen.“ Allerdings würde man die Intelligenz der vorzugsweise in New York residierenden schwulen Pop-Ikone beleidigen, wollte man ihm unterstellen, Berlin mit München zu verwechseln. Wainwright kennt sich so genau mit den Demarkationslinien zwischen selbstironischem Camp und unfreiwilligem Trash aus, dass er im Booklet seines fünften Albums ungestraft Fotos vom Pergamonaltar mit Gartenzwergarrangements und Lederhosen- Selbstporträts kombinieren darf.

Musikalisch übertrumpft „Release the Stars“ nochmals die himmelsstürmende Opulenz seiner Vorgänger: Mit bombastischer Geste orchestrierte Melodiekaskaden wie im Titelstück oder dem Opener „Do I disappoint you“ würden jedem Broadway-Musical gut zu Gesicht stehen. Ohnehin ist der Dekadenz-Chic der Weimarer Republik ein Haupteinfluss im Schaffen von Rufus Wainwright. Trotzdem erinnern gerade die intimeren, luftiger instrumentierteren Songs wie das heimwehmüde „Going to a Town“ oder das rokokohaft flatternde „Sanssouci“ daran, dass der 34-Jährige einer der größten Songwriter und Sänger seiner Generation ist. Demut indes dürfte ein Fremdwort für den Spross einer hochbegabten Musikerdynastie sein, weshalb seinen Werken die emotionale Tiefe etwa des mit ihm befreundeten Antony Hegarty abgeht. Mögen andere die Schattenbereiche der Seele erkunden: Rufus Wainwright bleibt ein Sonnenprinz des Pop. Jörg Wunder

Volksbühne, Fr 5.10.,

20 Uhr, 35 €

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