Kultur : Opus magnum

RALPH GEISENHANSLÜKE

Minimalismus in der Musik bedeutet normalerweise die Reduktion auf das Wesentliche. Eine Melodie oder Akkordfolge wird häufig wiederholt und mit kleinen Veränderungen variiert. In dieser Hinsicht sind auch Kraftwerk vorbildliche Minimalisten. Die Elektromusikanten aus Düsseldorf gelten weltweit als Impulsgeber für das, was uns heute als Techno um die Ohren geblasen wird. Nicht nur das: Sie sind eine der außergewöhnlichsten Bands, die jemals zu Ruhm gekommen sind. "Wir sind Kinder von Wernher von Braun und Fritz Lang", so erklärten sie ihre kühle, futuristische Computermusik, in der die Grenzen zwischen Mensch und Maschine verschwimmen.Bei allen Verdiensten teilen Kraftwerk aber auch eine Schwäche vieler Minimalisten: Sie dehnen den Begriff des Minimalismus auf ihr gesamtes µuvre aus. Ihr letztes Album mit neuen Kompositionen erschien 1986. Vor zwei Jahren sollen sie bei einem Konzert in Großbritannien tatsächlich ein neues Stück gespielt haben. Kein Wunder, daß manche Kritiker in ihrem korrekt gescheitelten Auftreten schon immer einen gewissen Beamten-Appeal sahen. Wahre Fans aber hätten zur Zeit allen Grund zur hochvoltigen Neugierde: Kraftwerk haben eine Auftragskomposition fertiggestellt. Ein neues Opus magnum! Den Jingle zur Expo 2000 in Hannover.Doch seit die Höhe des Honorars bekannt wurde, hält sich die Begeisterung in Grenzen: 400 000 Mark haben die Düsseldorfer erhalten - für eine Reihung von Schallwellen, die nur mit sehr weitgefaßtem Verständnis als Musik bezeichnet werden kann. Das Werk besteht im wesentlichen daraus, daß der Name der Veranstaltung gesprochen wird. "Expo 2000" sagt eine Stimme in sechs Sprachen, die mit dem Kraftwerk-typischen Vocoder-Effect verfremdet wurde, ähnlich wie in ihrem Hit "Trans Europa Express". Das Verfahren ist nicht gerade brüllend neu. Ganze vier Sekunden dauert die Aufführung, also noch einmal 2,123 Sekunden weniger als Brian Enos Arpeggio für das Betriebssystems Windows - der bisherige Endpunkt minimalistischer Reduktion. Danach kann eigentlich nur noch weißes Rauschen kommen.Der harschen Ablehnung durch Politiker, Radioleute und vor allem neidische Musiker setzt Expo-Chefin Breuel entgegen, der Jingle werde die Kosten einspielen. Dabei ist das Geld eher Nebensache. Bei Großveranstaltungen wie der Expo stellen sich die meisten das Finanzgebaren ohnehin vor wie eine Mischung aus Narrenschiff und Fellinis "Satyricon". Die Sorge sollte vielmehr den Musikern gelten. Ist es eine Spielart besonders moderner Konzeptkunst, 100 000 Mark pro Sekunde zu kassieren? Oder sind nun auch Kraftwerk Opfer der unter Rockstars grassierenden Verschnarchsackung geworden? Dann steht neben den VW-Golf-Sonderausstattungen "Genesis" und "Pink Floyd" vielleicht auch bald ein Modell "Kraftwerk". Das immerhin hätte einen besonders umweltfreundlichen Antrieb: heiße Luft.

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