Orchestre de la Suisse Romande in der Philharmonie : Neeme Järvis Geisterspuk

Das Orchestre de la Suisse Romande gastiert unter mit seinem Chef Neeme Järvi und dem Geiger Vadim Repin in der Berliner Philharmonie.

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Der estnische Dirigent Neeme Järvi.
Der estnische Dirigent Neeme Järvi.Foto: Simon von Boxtel

Neeme Järvi, der Patriarch der Dirigentenfamilie, kommt nach Berlin – und macht das, was man erwartet, womit er sich eine Leben lang Verdienste erworben hat: Er setzt unbekanntes Repertoire aufs Programm, zumindest an den Anfang seines Konzerts mit dem Genfer Orchestre de la Suisse Romande, dem der 76-Jährige seit zwei Jahren als Künstlerischer Leiter vorsteht.

Wer kennt Joseph Joachim Raff? Der Schweizer hat zunächst Liszt gefördert, später war er von ihm ab- und dem Vergessen anheimgefallen, jetzt erklingt in der Philharmonie sein „Vorspiel zu Shakespeares Romeo und Julia“. In einer viel schlimmeren Hölle schmort seit 100 Jahren Max Bruch: Trotz einer Opus-Zahl, die jenseits der 90 liegt, bleibt er bekannt einzig durch sein erstes Violinkonzert, was er schon zu Lebzeiten ahnte und einen alten vergrätzten Mann aus ihm werden ließ. Bei beiden, Raff wie Bruch, lässt das Orchester unter Järvi einen Hang zu impressionistischem, klangflächigem Spiel erkennen, das die Kanten der Partitur eher abschleift – und aus dem Solist Vadim Repin im Violinkonzert heraus sticht wie Felsenklippen in der Gischt. Weil er offen ackert und dabei nichts verbirgt, die rohe, blanke Materialität der Violinsaiten hörbar macht.

Hector Berlioz ist natürlich alles andere als vergessen, sein Leben lang hatte er mit einem zu großen Ego zu kämpfen. Järvis in die Breite gehendes, musikalischen Fluss statt Ereignis betonendes Klangideal zieht sich auch durch seine Symphonie fantastique. Es passt gut zu einem Komponisten, in dessen Œuvre die Grenzen der Genres zerfließen. Nonchalant und unaufdringlich der Walzer im zweiten Satz: Da will einer suggestiv erzählen, nichts herausbrüllen. Zum Geisterspuk der Walpurgisnacht im Finalsatz allerdings versagt Järvis Ästhetik. Das ist zu viel Wollen in der Musik, zu wenig Loslassen, Tanzen. Das Klanggebräu, das Berlioz hier anrührt, es könnte noch viel teuflischer gären, boshafter kichern, schriller lachen.

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