Kultur : Ordnung im Probenraum

SANDRA LUZINA

Die Anarchie des Eros wird in Shakespeares "Sommernachtstraum" mit spielerischer Leichtigkeit heraufbeschworen.Die mit Elfenpoesie bekränzte Komödie hat immer wieder die Choreographen gereizt.Wer sich heute an das Traumspiel wagt, muß es erstmal entrümpeln von verniedlichenden romantisierenden Deutungen, muß den Blick frei machen für die unheimlichen Triebkräfte hinter der lieblichen Ballett-Feerie.

Der Choreograph Heinz Spoerli hat den "Sommernachtstraum" bereits zum vierten Mal neu choreographiert.Ungewöhnlich ist diesmal die Zusammenstellung der Musik: die berühmte Ouvertüre von Mendelssohn-Bartholdy wurde um weitere Werke ergänzt.Dem steht amerikanische minimal music von Philipp Glass und Steve Reich gegenüber, vom Orchester der Deutschen Oper unter Arturo Tamayo etwas matt gespielt.Den kontrastierenden Spielebenen, den wechselnden Spielarten der Liebe entsprechen die unterschiedlichen Ausformungen der Bewegung.Spoerli verlegt den "Sommernachtstraum" in einen Probensaal, das Nachtmärchen entspinnt sich als Traum eines Bühnenarbeiters.Mittels einer beweglichen Spiegelwand (Bühnenbild: Hans Schavernoch) verwandelt sich der Ballettsaal in ein Elfen- und Nachtreich der erotischen Chimären und amourösen Spiele.Hinter den Spiegeln erwartet den Zuschauer kein romantisches Waldesweben, sondern ein üppig wuchernder Dschungel.Die Elfenpoesie mit ihren Reigen und Trippelreihen wurde ein wenig ernüchtert.Die Elementargeister in löchrig grünen Trikots sind nicht auf filigrane Spitzenklöppelei verpflichtet, sondern dürfen ungebärdig herumtollen und Kapriolen machen.Und der schelmische Puck lenkt als Regisseur des tollen Treibens die Begierden beliebig um, treibt die Paare wahllos auseinander und zueinander.Puck ist auch tänzerisch die anspruchsvollste männliche Rolle, von Dirk Seghers ansprechend gestaltet.

Doch Heinz Spoerli verläßt nie die (neo-) klassische Basis, er schuf poetische und schwungvolle, manchmal auch gefällige Tänze.Die Rolle des Zettel ist prominent besetzt mit André Eisermann, der auch die Spielleitung der Handwerkerszenen übernahm.Zum Entzücken des Publikums stimmt er ein heiseres Geblök an, scharwenzelt neckisch mit seinem Eselsschwänzchen, stampft bockig auf.Wenn er mit der plumpen Anmut eines Ponys über die Bühne trabt, sich mit dem drallen Charme einer Miss Piggy zu Spreizsprüngen hochwuchtet, gelingt dem wohlbeleibten Darsteller eine wunderbare Ballettparodie.Seine tolpatschige Erdenschwere kontrastiert mit der fast überirdisch anmutenden Leichtigkeit der Titania.Tamako Akiyama als Elfenkönigin ist die herausragende Solistin des Abends.Selbst wenn sie den Esel umtändelt, wirkt sie vollendet graziös, nie albern.Die Handwerker-Burleske nimmt dann Bauerntheater aufs Korn mit den Mitteln von Laienspielern - schwerfällig und anbiedernd in seiner Komik, keineswegs parodistisch.Wo die Inszenierung ansonsten einen schönen Drive entwickelt, wirken die Handwerker-Szenen als Bremsklotz.

Der Partnerwechsel des Quartetts Hermia (Christine Camillo), Helena (Ana-Carolina Quaresma), Lysander (Yannick Bouquin) und Demetrius (Pedro Goucho Gomes) ist vergleichsweise konventionell gestaltet.Wie die Liebestollen einander folgen und nachstellen, jagen und entwischen, sich bedrängen und zurückstoßen - das hat meist Tempo und Verve.Die ersehnten oder erzwungenen Umarmungen gestaltet Spoerli in Pas de deux, wo kurze Höhenflüge in jähen Abstürzen münden.Doch er flüchtet sich immer wieder in eine altmodische Gestensprache.Die Versöhnung von Oberon und Titania gipfelt in einem Pas de deux mit majestätischen Hebungen, am Boden schnitzt Spoerli dann eine Paar-Idylle aus symmetrischen Umschlingungen.Das Finale zum "Concerto for Violin and Orchestra" von Philipp Glass versammelt das Ensemble zu abstraktem Tanz.Das Chaos der Gefühle ist in strikte Ordnung gebannt.

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