Kultur : Orgelkonzert: Fromm und frei: Ton Koopman im Schloss Charlottenburg

Martin Wilkening

Orgelkonzerte in der Charlottenburger Schlosskapelle sind beliebt. Zwar weicht die Neugier auf den Raum beim ersten Besuch dann schnell der Ernüchterung inmitten plump und merkwürdig restaurierter Dekorationen, und es wird wohl kaum jemanden geben, der diesen Raum wirklich liebt. Anders sieht es aber mit der Orgel aus: 1706 von dem Hamburger Orgelbauer Arp Schnittger vollendet, ist sie eine Kostbarkeit im Berliner Raum, kein donnerndes Orgelwerk, sondernein intimes Instrument mit einer überraschenden Fülle an Klangfarben. Und so dehnen auch die Musikfestspiele Potsdam ihren Radius dieses Jahr bis nach Charlottenburg aus. Ton Koopman, Tags zuvor in Rheinsberg zu Gast, spielte jetzt im Rahmen der Festspiele an der Schnittger-Orgel ein reines Bach-Programm. Und das war schon in der Zusammenstellung ein Meisterstück: Choralbearbeitungen, paarweise kombiniert, die Choralpartita über "O Gott du frommer Gott", umrahmt und gegliedert durch Präludien und Fugen und die Fantasie G-Dur. Die wurde von Koopman am Schluss so luftig und schwerelos registriert, dass sich das matte Dunkel der Kapelle rein musikalisch wieder dem gleißenden Sonntagnachmittagslicht öffnete. Überhaupt besaßen Koopmans Einfälle zur Registrierung stets etwas musikalisch Plausibles, zeigten sowohl die Fülle der Charaktere wie auch die verschiedenen stilistischen Bindungen der Stücke. Mit der räumlichen Trennung einzelner Stimmen und den lieblichen Echos in der Choralpartita, die sich an Schnittgers Orgel plastisch realisieren lassen, erreicht mit Koopman die Musik mühelos das, woran die Wandmalereien in der engen Kammer-Kapelle scheitern: eine imaginäre Weitung des Raumes.

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