Kultur : Orgie mit Oklasma

Tanz und Musik der Antike – eine Berliner Ausstellung

Uwe Friedrich

Nicht nur Euterpe mit ihrem Flötenspiel, Terpsichore mit dem Tanz und Melpomene mit dem Blick für die Harmonik in der Musik waren für den Gebrauch der Instrumente zuständig. Auch ihre musischen Kolleginnen hatten sich um die Klänge zu kümmern: Sie brachten den Menschen ihr Geschenk dar, nämlich die Musik – die eigentlich ein Geschenk der Götter war. Wie wichtig alle Formen von Musik für die Griechen waren, zeigt nun das Berliner Musikinstrumentenmuseum. 144 antike Exponate aus 35 griechischen Museen und der Berliner Antikensammlung sind zu bestaunen, außerdem moderne Rekonstruktionen antiker Instrumente. Hauptverdienst der Ausstellung ist es, die archäologischen Funde in den Zusammenhang der Musikinstrumentensammlung zu stellen: Die Blas- und Zupfinstrumente werden dem geschichtlichen Irgendwo der Antikensammlung entrissen, müssen sich behaupten gegen Wurlitzer-Orgel, Hammerklavier und Knickhalslaute. Und das Verblüffende ist: Sie bestehen den Test mit Bravour.

Das Rätsel der Klänge

Die entscheidende Frage bleibt indessen wohl für alle Zeit unbeantwortet: Wie klang diese Musik? Zwar haben einige Werke in Notation überlebt, aber ähnlich wie bei der westeuropäischen mittelalterlichen Musik gehen die Gelehrtenmeinungen über deren Ausdeutung weit auseinander. Durch minutiöse Rekonstruktionen wissen wir immerhin einiges über den Klang der verschiedenen Blasinstrumente, die mal mit Kesselmundstück (ähnlich einer modernen Trompete), mal mit Einfach- oder Doppelrohrblatt (wie eine moderne Oboe oder Klarinette) geblasen wurden. Saiteninstrumente wurden ausschließlich gezupft, nie mit einem Bogen gestrichen.

Die Ausstellung bietet zudem einen Einblick in die Werkstatt eines antiken Instrumentenbauers – und verblüfft mit einer Perfektion, wie sie im christlichen Mittelalter völlig unbekannt war, in Westeuropa erst wieder in Renaissance und Frühbarock erreicht wurde. Einige der filigranen Tänzerfigurinen erinnern fast an Porzellan aus Meißen. Weitgehend unerforscht ist, was auf den Vasen abgebildet ist. Einige Darstellungen wirken sehr heutig. Der „Oklasma“-Tanz zum Beispiel, bei dem eine Tänzerin auf einem Tisch zu sehen ist. Wer hier an table dance denkt, hat vielleicht gar nicht so Unrecht, denn auch der „Oklasma“-Tanz war eine orgiastische Veranstaltung.

Von den zahlreichen Festen in antiker Zeit zeugen vor allem die Vasenmalereien, auf denen zu sehen ist, wie vertraut die Menschen der Zeit mit musikalischen Darbietungen und Wettstreiten waren. Das Spiel mit dem Doppelaulos gehörte für die jungen Athener ganz selbstverständlich zur Schulausbildung, ebenso wie der Gebrauch der Lyra.

Die Lyra ist bis heute Inbegriff der Musik. Kaum eine Orpheus-Oper kommt ohne sie aus, der Klavierfabrikant Steinway hat sie gar zum Markenzeichen gemacht. So wirken die Musiktraditionen aus der Antike bis heute weiter. Indem die herausragenden archäologischen Fundstücke im Zusammenhang der Musikinstrumentensammlung gezeigt werden, gewinnen sie nach Jahrtausenden sofort wieder an Leben. Sie wecken den Wunsch, ihnen versuchsweise ein paar Klänge zu entlocken, sie anzufassen und auszuprobieren. Ganz gleich, ob das nun authentisch ist oder nicht.

„Geschenke der Musen – Musik und Tanz im antiken Griechenland“, bis 31.8.,Musikinstrumentenmuseum, Katalog 24 Euro

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