Kultur : Orhan Pamuk: „In Istanbul ist jeder fremd“

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Der unter dem Eindruck von Todesdrohungen in die USA gereiste türkische Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk hat in einer gestern am Berliner Ensemble verlesenen Rede indirekt Kritik am Umgang der Türkei mit ihrer Geschichte geübt. Zugleich bekannte er, dass in seiner Heimatstadt Istanbul jeder ein Fremder „und darum allein“ sei. „So wie die Menschen, die seit mehreren tausend Jahren in die Stadt kommen, in ihr aufgehen und Teil von ihr werden, ausgeschlossen, assimiliert, in den Untergrund gedrängt, vergessen und verjagt werden oder mit neuen Zuwanderern verschmelzen, so haben auch in Istanbul die Dinge ihre geheime Geschichte“, heißt es in Pamuks Vortrag, den er ursprünglich selber halten wollte. Die Geschäfte Istanbuls zeigten „genau wie die vom Staat geflissentlich totgeschwiegenen griechischen, armenischen und sonstigen Minderheiten, aus wie vielen Quellen und welch unermesslichem Reichtum diese Stadt sich speist“, meinte Pamuk.

Der 54-Jährige war nach der Absage einer Lesereise nach Deutschland und Belgien am vergangenen Donnerstag überraschend in die USA geflogen, wo er offenbar längere Zeit bleiben wird. Vor seinem Abreise habe er 400 000 Dollar von seinem Konto abgehoben, hieß es im Massenblatt „Sabah“. Als Hintergrund der Reise in die USA werden nationalistische Drohungen gegen Pamuk vermutet, der sich in der Vergangenheit unter anderem für eine offene Aufarbeitung der türkischen Massenmorde an den Armeniern im Jahre 1915 ausgesprochen hatte. dpa

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