Kultur : Orient vor der Haustür

Im Transitraum: die Ausstellung „Fokus Istanbul“ im Berliner Martin-Gropius-Bau

Ulrich Clewing

Streit hatte es im Vorfeld gegeben. Ein Künstlerboykott wurde ausgerufen, ein offener Brief verfasst. Ein Skandal schien sich anzubahnen. Und nun ist doch alles ganz anders. Wozu die Aufregung? Natürlich ist es schade, wenn Künstler ihre Teilnahme an einer Ausstellung absagen, weil sie unzufrieden sind. Wer jedoch den Protestbrief im Katalog liest, vermisst darin das Entscheidende: die triftigen Gründe. Unklares Thema, wenig transparente Kriterien bei der Auswahl, nicht erstattete Spesen, kein Ausstellungshonorar: Das sind entweder Deutungsfragen oder Unannehmlichkeiten, die im Kunstbetrieb gang und gäbe sind.

Die Misshelligkeiten sind auch deshalb so bedauerlich, weil sie davon ablenken, dass Fokus Istanbul trotz des Trubels eine erhellende, ergreifende Schau geworden ist. Und obwohl es dabei laut Kurator Christoph Tannert weder ausschließlich um Kunst aus der Türkei noch um eine reine Istanbul-Ausstellung gehen sollte, wird einem hier viel erzählt über die Elf-Millionen-Metropole am Bosporus. Über 50 Künstler aus drei Generationen sind mit ihren Arbeiten vertreten. Sie stammen aus der Türkei, aus Deutschland und weiteren zwölf Ländern von Russland bis Brasilien.

Für sie ist Istanbul zum einen ein realer Ort und zum anderen eine Metapher für Tradition und Entwurzelung, für extreme Dynamik und den Wunsch nach Entschleunigung, für Gewinn und Verlust von Identität, kurz: für das Leben in einer Stadt des permanenten Übergangs, die älter ist als das ewige Rom und gleichzeitig so jung wirkt wie sonst nur die Megastädte Asiens.

Auch dort scheint sich der Mensch inmitten all der Größe manchmal selbst abhanden zu kommen. Dann sendet er Signale aus wie jene, die die 30-jährige Asli Sungu im Martin-Gropius-Bau in vibrierenden Schriftbildern per DVD-Beamer an die Wand wirft. Die in Istanbul geborene Künstlerin, die zwischen Berlin und ihrer Heimatstadt pendelt, hat die Nachrichten, die ihre Mutter auf den Anrufbeantworter sprach, aufgeschrieben und als leuchtende weiße Worte auf eine typisch deutsche Raufasertapete projiziert. „Wo bist Du?“, „Hast Du Geld?“, „Ich bin zu Hause“, „Meine Liebe“ – die Schriftzüge pulsieren für einen kurzen Augenblick wie ein sehnsüchtiger Herzschlag, bevor sie wieder verschwinden, um ihre Spuren in der Erinnerung zu hinterlassen. Eine ähnliche poetische Kraft entfalten die Fotografien, die der Münchner Michael Wesely während der Überfahrt mit dem Schiff mit einer Camera obscura gemacht hat: Schemenhaft tauchen Meer, Küste, Stadt auf, bis zu dem Punkt, an dem die Traumbilder beginnen.

Am anderen Ende der Poesie, dort, wo die Mitteilungen so richtig trocken zu werden versprechen, ist die Arbeit der jungen Frankfurterin Katinka Bock angesiedelt. Von der Versuchsanordnung – Video, Kopfhörer, 120 Minuten Film – sollte man sich allerdings auf keinen Fall abschrecken lassen, denn die Dinge, die sie bei ihren Interviews mit in Deutschland geborenen, inzwischen wieder in der Türkei lebenden Altersgenossen erfahren hat, sind so fesselnd – man könnte stundenlang sitzen bleiben. Bock hat ihre Gesprächspartner mit Begriffen wie „Freunde“, „Religion“ oder „Kopftuch“ konfrontiert. Herausgekommen ist das Porträt einer Generation, die Ost und West so stark in sich vereint, dass der Zuschauer glaubt, in die Zukunft zu sehen.

Die offiziellen Ordnungssysteme und gängigen Kategorien versagen demgegenüber mehr und mehr: Hans Winkler etwa verwandelte sich in einen Türken, indem er sich den entsprechenden Pass fälschen ließ; Christine de la Garenne filmte die klackenden Perlen einer Gebetskette aus Nahsicht und blies das Ganze zu einer eindrucksvollen, sechs Meter hohen Videoinstallation auf. Und doch hat niemand das Transitorische der Gegenwart so treffend in ein Bild gefasst wie Ara Güler, Jahrgang 1928, der große alte Mann der türkischen Fotokunst.

Zwei Stühle im Vordergrund, ein Dampfer, der gerade abgelegt hat, die Spiegelungen der Lichter auf dem Wasser: Das mag man für Romantik halten. Die Wahrheit aber ist um einiges prosaischer. In Istanbul ist dies der Dauerzustand – und wird es wohl immer sein.

Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstraße, bis 3. Oktober, Katalog 30 €.

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