Orientalische Erzählungen "Tausendundein Tag" : Die Tage nach der Nacht

Erzählungen aus dem Morgenland: "Tausendundein Tag" liegt jetzt in einem illustrierten Folio-Prachtband vor.

Tobias Schwartz
Buchcover von "Tausend und Ein Tag".
Buchcover von "Tausend und Ein Tag".Foto: promo

Es gab Zeiten, da drangen aus dem islamischen Kulturkreis noch andere Geschichten zu uns als die der IS-Gräueltaten in Syrien und im Irak, die des Al-Qaida-Terrors oder einer möglichen Atombombe im Iran. Die Geschichten von Sindbad, Aladin oder Ali Baba sind Teil unseres kulturellen Gedächtnisses. „Tausendundeine Nacht“, die berühmte Sammlung arabischer Erzählungen aus der Spätantike und dem Frühmittelalter, erschien ab 1704 in französischer Übersetzung. Ihr Einfluss war gewaltig, Voltaires „Zadig“, Montesquieus „Perserbriefe“, auch Mozarts „Entführung aus dem Serail“ wären ohne diesen Inspirationsquell nicht denkbar.

Heute weit weniger bekannt sind die morgenländischen Erzählungen, die annähernd zeitgleich unter dem Titel „Tausendundein Tag“ publiziert wurden und jetzt in einem illustrierten Folio-Prachtband der Anderen Bibliothek vorliegen. Die aus bewährten Übersetzungen zusammengestellte Edition ist um Funde aus dem 18. und 19. Jahrhundert erweitert. Damit bewegt sie sich ganz in der Tradition dieser Orientanthologien, eine vollständige Urschrift gibt es für beide Sammlungen nicht und die Zahl 1001 ist jeweils nur eine Metapher für „ziemlich viele“.

Gemeinsamkeiten der orientalischen und westlichen Kultur auf 1200 Seiten

Zu verstecken brauchen sich die sagenhaften Geschichten aus „Tausendundein Tag“, eine der bekanntesten ist die von der männermordenden Prinzessin Turandot, hinter denen aus „1001 Nacht“ nicht – auch wenn der Übersetzer Pétis de La Croix 1710 einige ausließ, „weil sie so anstößig sind, dass die Schicklichkeit mir nicht erlaubt, sie wiederzugeben“. Sie wirken sogar mitunter lebendiger und sind „nicht von einer islamisch-orthodoxen Patina überzogen, die die indischen und persischen Wurzeln verdeckt“, wie es im glänzenden Nachwort von Rainer Schmitz heißt.

Die Lektüre der immerhin 1200 Seiten zeigt auch, dass die Gemeinsamkeiten der orientalischen und der westlichen Kulturen historisch vielleicht doch überwiegen. Dafür spricht schon die Intertextualität. Die Erzählungen aus dem Morgenland prägten nicht nur die abendländische Literatur, man findet in ihnen auch abendländische Spuren – hinterlassen etwa von Äsops Fabeln oder Homers „Odyssee“. Es ist lohnend, sich das von Zeit zu Zeit wieder einmal ins Bewusstsein zu rufen.

Rainer Schmitz (Hrsg.): Tausend und Ein Tag. Morgenländische Erzählungen. Die Andere Bibliothek, Berlin 2014. 1200 Seiten, 99 €.

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