Kultur : Original und Dinosaurier

NIKOLAUS BERNAU

Die amtliche Denkmalpflege befindet sich in einer Krise, die keineswegs nur eine Krise der öffentlichen Finanzen oder eine des Wandels vom vormundschaftlichen zum dienstleistenden Staat ist.Wie sehr das Selbstbewußtsein der Denkmalpfleger angegriffen ist, wurde auf einer Tagung des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz Ende vergangener Woche im Rathaus Schöneberg ungewollt deutlich.Dabei hat man gerade einen echten Erfolg erzielt, wie Ilse Brusis, Kultus- und Sozialministerin Nordrhein-Westfalens, berichten konnte: Denn auch weiterhin werden Sanierungskosten und denkmalpflegerische Maßnahmen steuerabzugsfähig sein.Das zentrale materielle Steuerungsmittel der Denkmalpflege bleibt also erhalten.Doch gleichzeitig geraten ihre Wertkategorien - etwa des Authentischen oder des Originals - in die Debatte.

Ohne daß seine Amtskollegen laut aufschrien, konnte der bayerische Landeskonservator Michael Petzet die These aufstellen, daß es manchmal notwendig sei, den Investoren zu erlauben, nur noch die Fassade stehen zu lassen, und mit diesem Zugeständnis für die Erhaltung zumindest des Treppenhauses zu werben.Petzet ist keineswegs einer der Lässigen seiner Zunft.Doch selbst er resigniert angesichts des Drucks der Investoren, maximale Ausnutzung bei minimalen Aufwendungen zu erlangen; ferner des Drucks der Öffentlichkeit, modernste Komfortansprüche auch in ältesten Gebäuden durchzusetzen; des Drucks der Verwaltungen und der Politik, Geld zu sparen und trotzdem immer wieder möglichst frisch strahlende Erfolg vorzuweisen; und nicht zuletzt des Drucks der Medien, Denkmäler schön und jung wie in Werbeprospekten darzustellen.Für Denkmalpflege ist jedermann - doch nur, wenn nicht das eigene Haus betroffen ist.Selbst die volkswirtschaftliche Erkenntnis, daß eine Mark an staatlicher Denkmalpflegeinvestition zehn Mark privater Gelder nach sich zieht, die wiederum vor allem dem Mittelstand zu Gute kommen, verfängt da nicht.Während ein gut erhaltenes Stadtbild als "weicher Standortfaktor" hoch geschätzt werden, ist die für diese Erhaltung zuständige Denkmalpflege nach den Worten von Ilse Brusis mittlerweile zum "Inbegriff behördlicher Gängelung" geworden.Beliebige Rekonstruktionen etwa der Berliner Schloßfassaden sind bekanntlich sogar beim Bundeskanzler unter dem Stichwort "Seele" gut zu verkaufen, der Schutz der vorhandenen Gebäude hingegen wird immer schwerer.

Mit keiner Miene zuckte der sächsische Landeskonservator Gerhard Glaser, als der Münchner Kunstgeschichtsprofessor Norbert Huse die strengsten Maßstäbe der rekonstruktionsfeindlichen deutschen Denkmalpflegetradition einforderte.Glaser ist für einige der aufsehenerregendsten Rekonstruktionen Deutschlands verantwortlich, etwa die Neuerschaffung der Fassaden im Dresdner Schloßhof oder den Neubau des Renaissance-Kanzleihauses nebenan.Huse hingegen interpretierte das Original in seinem unverfälschten Jetztzustand als unverzichtbaren und auch durch keine Rekonstruktionsleistung zu ersetzenden Geschichtszeugen.

Zwar wurde über die Gegensätzlichkeit dieser klassischen Positionen nicht diskutiert.Dennoch konstatierte der brandenburgische Landeskonservator Detlef Karg den drohenden Prozeß der "Selbstzerfleischung" der Denkmalpfleger, der schlimmer wirken könne als alle Mittelkürzungen und Verwaltungsreformen zusammen.Eine Ursache dieser Selbstzerfleischung dürfte allerdings eher im Nicht-Miteinander Streiten der Denkmalpfleger liegen als in zuviel Diskussion.Der Vorsitzende des Berliner Denkmalbeirates, Adrian von Buttlar, beklagte, daß die Sitzung nicht öffentlich sei - nicht einmal seine Studenten hätten Zutritt.Vielleicht war das gar nicht so schlecht! Nicht zuletzt, weil so manche Anwärterin angesichts der langen Reihen graumelierter Herren wohl verzweifelt wäre, deren prägendes Erlebnis noch immer das Europäische Denkmalschutzjahr 1975 bildet.In dessen Folge erhielten die Ämter erstmals wirklichen Einfluß (und ausgeweitete Stellenpläne), konnte der Denkmalbegriff auf Fabriken, Bauernkaten, ganze Kultur- und Stadtlandschaften ausgeweitet werden.

Doch nun zwingen Haushaltsengpässe und neue Vorstellungen der Politik vom Staat als Dienstleister zu Reformen, und auch wenn etwa Karg dafür focht, trotz aller Widerstände weiterhin das Primat der Amtsdenkmalpflege zu verfechten: Alle Denkmalämter müssen sich mit dem Wunsch nach Dezentralisierung, flachen Hierachien und Personaleinsparungen auseinandersetzen.In Berlin reagierte das Amt, indem die unteren Schutzbehörden durch die Festsetzung von allgemeingültigen Standards und die Abgrenzung von Arbeitsgebieten gestärkt wurden.

Welchen Weg also will die deutsche Denkmalpflege einschlagen? Eine Möglichkeit ist der Rückzug auf die schönen Dinge, die Schlösser, Kirchen, Fachwerk- und Rathäuser.Diese Position fand bei der Tagung allerdings keine Fürsprecher.Die Redner plädierten übereinstimmend dafür, den Denkmalschutz als Teil der Debatte um den Schutz der Umwelt insgesamt zu begreifen.Der Wert des Authentischen wurde als Leitlinie bekräftigt.Daß dieses noch haltbar ist zu einer Zeit, da die Filmindustrie beispielsweise Dinosaurier täuschend ähnlich nachmachen kann, davon war sogar der saarländische Medienjournalist Dietmar Schellin überzeugt.Er brachte die Sache auf den Punkt: Wer einmal lügt, dem wird weniger geglaubt, wer oft lügt, dem glaubt man gar nicht mehr.Jede Rekonstruktion ist eine solche Lüge über die Vergänglichkeit und den tatsächlichen Geschichtsverlauf.Doch wie das Authentische einem Publikum zu vermitteln ist, das seit zwei Generationen mit der virtuellen Realität etwa des Fernsehens lebt - darauf wußte niemand eine Antwort.Bloße Ironie wie bei der Kopie des Goetheschen Gartenhauses in Weimar jedenfalls wirkt allenfalls auf Intellektuelle.Vielleicht ist wirklich eine neue Denkmalschutzbewegung nötig - wie in den siebziger Jahren, als die Gastgeberin der Tagung, die Schöneberger Bezirksbürgermeisterin Elisabeth Ziehmer, angesichts von gotischen Bauteilen auf Schutthalden 1975 mit der Stürmung des Lübecker Denkmalamtes ihre Karriere als Politikerin begann.

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