Kultur : Originalfassung

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SOTTO VOCE

Jörg Königsdorf steht im Bann

einer italienischen Zauberin

Langsam ist es an der Zeit, dass die Berliner Opernhäuser in ihren Foyers ein paar Büsten zu Ehren Georg Friedrich Händels aufstellen. Denn ohne die Händel-Produktionen sähe die künstlerische Erfolgsbilanz deutlich trüber aus: „Tamerlan“ an der Komischen und „Rinaldo“ an der Staatsoper waren jeweils die Highlights der Saison, und die neue „Alcina“ an der Komischen Oper hat ebenfalls gute Chancen, die beste Produktion des Berliner Opernjahrs zu bleiben. Trotz dieser Erfolge sorgen die Händel-Opern erstaunlicherweise nicht unbedingt für volle Häuser. Während das Münchner Publikum, dessen Händelisierung ein paar Jahre früher begann, sich längst nicht mehr an der wagnerschen Länge der Stücke stört, sind die Berliner da noch skeptisch. Einen Run gab es lediglich auf Nigel Lowerys „Rinaldo“-Inszenerung – wohl vor allem, weil jeder wusste, dass es nur wenige Vorstellungen der Inszenierung geben würde.

Die Komische Oper hat es da schwieriger: Weil die Produktionen länger im Repertoire bleiben, fehlt offenbar das Bedürfnis der Zuschauer, sie möglichst bald sehen zu wollen. Im Fall der „Alcina“ gibt es allerdings einen besonderen Grund, sich Karten für die Vorstellung heute abend zu besorgen: Denn die Aufführung ist die letzte, in der die großartige und von Presse und Publikum einhellig bejubelte Einspringerin Geraldine McGreevy die Titelrolle der liebeskranken Zauberin singt. Ab Mittwoch nächster Woche ist dann mit Emma Bell wieder die Premierenbesetzung am Start. Damit ist der Termin heute zugleich auch der letzte, an dem man erleben kann, welchen Unterschied es macht, ob Händels Arien im originalen Italienisch oder in deutscher Übersetzung gesungen werden. Denn Frau McGreevy hatte keine Zeit mehr, die deutschen Texte zu lernen, und sorgt so dafür, dass die geheiligte Deutschsprachigkeit der Komischen Oper endlich einmal durchbrochen wird. Mit einem Ergebnis, das für sich spricht – und für Händel.

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