"Orly" : Im Transit

Verlust, Trauer und einem zaghaften Neubeginn: Angela Schanelecs Flughafenfilm "Orly" ist auch ein Abschiedsfilm.

Christina TilmannD
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Wartestand. Sabine (Maren Eggert) verloren im Flughafentrubel. -Foto: Berlinale

Die Zeit steht still, für einige Stunden. Erzwungene Tatenlosigkeit, inmitten des allgemeinen Getümmels. Es ist ein Aufenthalt im Limbus des Lebens, die im TransitBereich eines Flughafens verbrachte Zeit. Die Berliner Regisseurin Angela Schanelec hat auf dem Pariser Flughafen Orly gedreht, während des laufenden Flugbetriebes. Vier Schauspielergruppen verfolgte sie mit der Kamera, so unauffällig, dass sich keiner der Real-Reisenden zu wundern scheint. Und erst am Schluss bricht die Außenwelt ein in das geschlossene System hinter der Sicherheitskontrolle.

Leben in einer Möglichkeitswelt, darum geht es in allen vier Geschichten. Ein Paar (Natacha Régnier, Bruno Todeschini) lernt sich kennen, kurze, heftige Attraktion, die sich in wirren Monologen entlädt, man redet aneinander vorbei, um den Funken zu überspielen, der überspringt, obwohl er nicht soll. Ein Tramperpärchen (Jirka Zett, Lina Phyllis Falkner) hat den Draht zueinander längst verloren und bemerkt es nicht mal, sie vertieft sich in ihr Buch, er dokumentiert das Flughafengeschehen mit seiner Kamera. Eine Mutter (Michelle Perrier) begleitet ihren Sohn (Emile Belring) auf das Begräbnis des Vaters, auch hier kommt erst langsam so etwas wie Ehrlichkeit auf, durch den Panzer von Genervtheit. Und dann ist da noch eine Frau allein (wie immer großartig: Maren Eggert), die die Lektüre eines Briefes vor sich herschiebt. Erst am Schluss hört man die Stimme des Autors (Josse de Pauw). Es ist ein Abschiedsbrief.

Es ist auch ein Abschiedsfilm, in vielerlei Hinsicht. Angela Schanelecs Partner, der Theaterregisseur Jürgen Gosch, ist 2008 verstorben, und wer mag, kann in der magischen Stimme von Josse de Pauw ein spätes Echo entdecken. Aber auch ohne die persönliche Ebene ist „Orly“ ein Film, der von Verlust und Trauer, und einem zaghaften Neubeginn erzählt. Einer, der Beruhigung findet, im alltäglichen Strom des gedankenlosen Treibens, und dann schockartig ein Ereignis einbrechen lässt, das alles verändert. Für Momente steht die Zeit still – gerade auf einem Festival. Christina Tilmann

Heute 21.30 Uhr (Delphi), 16. 2., 12 Uhr (Arsenal) und 21.30 Uhr (Hackesche Höfe), 17. 2., 20 Uhr (Colosseum)

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