Kultur : Ornament und Versprechen

Das Bröhan-Museum feiert den Jugendstil-Meister Alfons Mucha mit einer Retrospektive

Christian Schröder

Diese Diva ist eine Göttin: Sie steht wie eine Skulptur auf einem Sockel, ihr Brokatkleid ist golden ornamentiert, in der rechten Hand hält sie einen Palmenzweig. Ihr Kopf, mit Herbstlaub bekrönt, wird von einem Halbkreis hinterfangen, der an einen Heiligenschein erinnert. Kunstvoll verschnörkelt ist dort ein Name zu lesen: Sarah Bernhardt. Das Plakat, das für das Drama „Gismonda“ im Pariser Théatre de la Renaissance wirbt, misst mehr als zwei Meter, die Hauptdarstellerin ist lebensgroß abgebildet. Sarah Bernhardt war 50 Jahre alt, als Alfons Mucha sie 1894 zum Jugendstil-Engel stilisierte. Doch seine monumentale Farblithografie zeigt die berühmteste Schauspielerin ihrer Epoche in makelloser Jugendlichkeit, ein ewiges Mädchen. Als die Bernhardt, so die Legende, den Künstler in ihrem Boudoir empfing, jubelte sie: „Monsieur Mucha, Sie machen mich unsterblich!“ In Wirklichkeit war es genau andersrum: Mit dem Gismonda-Plakat wurde der tschechische Grafiker über Nacht berühmt, bis heute werden seine floral umrankten Art-nouveau-Heroinnen auf Poster, Postkarten, Halstücher und Kaffeetassen gedruckt.

Seine letzte Renaissance erlebte Mucha in den Sechziger- und Siebzigerjahren, als die blumengeschmückten Mädchen aus der Belle Époque bestens in den Flower-Power-Zeitgeist zu passen schienen. Damals wurden seine Plakate beinahe zu Tode reproduziert. Mucha erfreut sich anhaltender Popularität, aber in der Kunstgeschichte steht er noch immer unter Kitschverdacht. Immer wieder wurde er mit Henri Toulouse-Lautrec verglichen, der zur gleichen Zeit seine Plakate für das „Moulin Rouge“ schuf, und natürlich fielen diese Vergleiche für Mucha schlecht aus. Toulouse-Lautrec war ein gnadenloser Beobachter, in seinen Zirkus-, Cabaret- und Bordellszenen hat er die Abgründe gezeigt, die sich hinter der flirrenden Amüsier-Seligkeit der Dritten Republik auftaten. Bei Mucha gibt es keine Abgründe, seine Kunst schwelgt in Schönheit und feiert die Oberfläche. Seine Bilder sollen die Wirklichkeit nicht kritisieren, sondern veredeln. Mucha war ein Visionär, wie die anderen Meister des Jugendstils – Henry van de Velde, Franz von Stuck oder Gustav Klimt – war er davon überzeugt, dass die Kunst alle Bereiche des Lebens durchdringen müsse. Wie opulent und vielfältig sein Werk ist, das zeigt eine Retrospektive, die mehr als zweihundert Leihgaben der Prager Mucha Foundation im Bröhan-Museum versammelt, neben den Plakaten auch Gemälde, Möbelentwürfe, Fotografien, Skulpturen und Schmuckstücke.

Alfons Mucha (1860–1939) stammte aus ärmlichen Verhältnissen, er wird als Sohn eines Gerichtsdieners in der Nähe von Brünn geboren. Als die Prager Kunstakademie ihn ablehnt, geht er nach Wien, wo er eine Anstellung als Theaterkulissenmaler findet. Mit dem Stipendium eines befreundeten Grafen beginnt er 1885 ein Kunststudium an der Münchener Akademie der bildenden Künste, das er 1887 in Paris fortsetzt. Nachdem der adlige Förderer die Unterstützung einstellt, verlässt Mucha die Akademie und schlägt sich als Gebrauchsgrafiker durch. Er zeichnet Schauspieler für die Zeitschrift „Le Costume au théatre“ und liefert Illustrationen für ein Buch mit „Szenen und Episoden aus der Geschichte Deutschlands“. Ein Entwurf für diesen Band ist im Bröhan-Museum zu sehen: Goethe und Schiller beim gemeinsamen Dichten. Goethe sitzt sinnierend mit der Feder in der Hand an einem Tisch, Schiller steht hinter ihm, der Boden ist mit beschriebenen Blättern übersät. Zwei Klassiker in einem sehr privaten Moment.

Seinen Durchbruch hat Mucha einem Zufall zu verdanken. Er korrigiert am 24. Dezember 1894 Probedrucke im Atelier des Verlegers Lemercier, als dort die Nachricht eintrifft, dass Sarah Bernhardt dringend um einen neuen Plakatentwurf für die „Gismonda“ bittet. Mucha bekommt nur deshalb den Auftrag, weil alle anderen Mitarbeiter Lemerciers schon im Weihnachtsurlaub sind. Die Bernhardt ist von Muchas Entwurf so begeistert, dass sie ihm einen Fünfjahresvertrag gibt. Sechs weitere Plakate entstehen in dieser Zeit, die Schauspielerin, wegen ihrer Magerkeit als „Madonnengesicht auf einem Besenstiel“ verspottet, erscheint auf ihnen als entrückt-ätherische Bühnensphinx. Mucha stellt sie als „Kameliendame“ vor einen violett leuchtenden Sternenhimmel, als „Medea“ zeigt er sie mit entsetzt aufgerissenen Augen vor den Leichen der von ihr ermordeten Kinder. Am Messer, das sie in der Hand hält, klebt Blut.

Muchas Plakate werden zu Ikonen ihrer Zeit. In Paris spricht man bald von einem „Style Mucha“, und als der Maler 1904 nach Amerika aufbricht, wird er dort als „größter dekorativer Künstler der Welt“ gefeiert. Die Ausstellung versammelt rund einhundert Plakate, sie bilden den Kern von Muchas Œuvre. Für Zigaretten der Marke „Job“ wird auf diesen Blättern geworben, für den Champagner von „Moët & Chandon“, für Urlaubsreisen ans Mittelmeer, für Kekse und Parfüm, Druckereien und Ausstellungen. Zu sehen ist immer wieder dasselbe: verführerische Mädchen, die von den ornamentalen Arabesken des Hintergrunds verschlungen zu werden drohen. Ihre Haare sind meist sehr üppig, sie kräuseln sich wie Meereswellen. Um die Jahrhundertwende nannte man diese Haare auch „Muchas Makkaroni“.

Schon vor dem Ersten Weltkrieg war Mucha wieder aus der Mode. 1910 kehrte er nach Prag zurück, um dort das Repräsentationshaus der Stadtverwaltung mit historistischen Fresken auszumalen. Mucha war Patriot, er entwarf Briefmarken und Banknoten für die neue Tschechische Republik und arbeitete an einem „Slawischen Epos“, das zwanzig Szenen aus der slawischen Geschichte zu einem monumentalen Zyklus vereinigte. Von der filigranen Verspieltheit seiner Plakate ist in diesem überladenen Spätwerk nicht mehr viel zu spüren.

Bröhan-Museum, Schlossstr. 1 a (Charlottenburg), bis 18. Januar, Di–So von 10 bis 18 Uhr. Das im Belser-Verlag erschienene Begleitbuch kostet 29,80 €.

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