Kultur : Ornithologische Betrachtungen eines Ameisenhaufens

HANS-JÖRG ROTHER

"Es gab nicht Besseres", so Jiri Menzel über die Bücher seines älteren Freundes Bohumil Hrabal, und kein anderer als er hat aus ihnen Meisterwerke des Kinos geformt.Nur er verstand es, die Kunst des "Bafelns", des unbeschwerten Schwatzens über Gott und die Welt, so lustvoll in Szene zu setzen.Die Dialoge, die Handlung schweben bei ihm gleichsam eine Handbreit und mehr über dem Boden, und gerade dieses Als-ob traf ganz den Hrabalschen Tonfall.

"Hrabal betrachtet die Welt wie ein Ornithologe einen Ameisenhaufen", schrieb einmal ein tschechischer Kritiker über den Schriftsteller, noch bevor dieser 1997, nur scheinbar versehentlich, aus dem Fenster eines Prager Krankenhauses stürzte.Das Paradox der Hrabalschen Prosa - und damit der Verfilmungen, von denen einige dieser Tage auf dem Programm des Tschechischen Zentrums stehen - könnte kaum treffender ausgedrückt werden.Denn natürlich ist ein Ornithologe denkbar ungeeignet, die Transportzüge der Ameisen zu verstehen.Gerade darum mag er an dem sinnlos anmutenden Gewimmel seinen Spaß finden.

Der 1913 in Brünn geborene, lange Zeit als Rechtsanwalt tätig gewesene Bohumil Hrabal kannte zwei Leidenschaften: das Schreiben und das Biertrinken.Je schneller er schrieb, und er soll es auf sechs Seiten in der Stunde gebracht haben, umso früher konnte er in seine Prager Stammkneipe "Goldener Tiger" einkehren, wo ihm die Leute von selbst ihre Geschichten erzählten.In früheren Zeiten mochte das nicht immer ungefährlich sein, weil sich dabei der Frust über den sozialistischen Staat entlud.Damals mochte Hrabal auch die Story von drei betrügerischen Versicherungsagenten zugetragen worden sein, die Du"san Klein 1994 unter dem Titel "Engelsaugen" verfilmte: Ein junger Kriminalist findet an dem erotisch prickelnden Leben der Ganoven so viel Gefallen, daß er sie zwar ihrer raffinierten Überlistung kleiner Gewerbetreibender überführt, gleichzeitig aber den eigenen Beruf an den Nagel hängt.

Kleins Verfilmung läßt sich mehr auf die Ereignisse als auf das Bafeln ein, was auch dem Abstand von den Zeiten geschuldet ist, als solche Geschichten voller Anspielungen steckten.Mehr überzeugt da immer noch das Finalwerk des Prager Frühling, der Episodenfilm "Perlchen am Grunde", an dem außer Jiri Menzel noch Jan N"emec, Evald Schorm, V"era Chytilovß und Jaromil Jire"s mitarbeiteten.Mit diesen stilistisch unterschiedlichen Filmnovellen nach dem gleichnamigen literarischen Debüt Hrabals begann das einzigartige, in seiner Bedeutung bis heute nicht ausgeschöpfte tschechoslowakische Filmexperiment.(Freitag, 20 Uhr)

Am Schluß der Reihe kann noch einmal Menzels schönes, herrlich humorvolles und trauriges Werk "Lerchen am Faden", 1969 fertiggestellt und 1990 uraufgeführt, besichtigt werden.(Sonntagabend, 20 Uhr) Die kaum glaubhafte und doch verbürgte Umerziehung "bourgeoiser Elemente" auf einem Schrottplatz in Kladno scheint wie angetan, Hrabals These von der "Verschiebung" der literarischen Personen auf den "Müllhaufen der Geschichte" zu stützen."Je tiefer der Held auf der gesellschaftlichen Stufenleiter sinkt, desto stärker steigt seine innere Spannung." Das klingt ebenso wahr wie hinreißend gebafelt.

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