Kultur : Orpheus Reloaded

Die Berliner Literatur-Schau „p0es1s“ erkundet die Möglichkeiten der digitalen Dichtung

Tobias Lehmkuhl

Steckt die Literatur in der Krise? Thomas Wohlfahrt, Leiter der Literaturwerkstatt Berlin meint, die Krise der Literatur sei eine Krise der Distribution. Es würden zwar weniger Bücher gekauft. Aus den Lesern seien dafür allerdings Hörer und Zuschauer geworden, wie der anhaltende Erfolg von Lesebühnen, Poetry Slams und anderen Veranstaltungsformen zeige.

So richtig diese Beobachtung ist und so gravierend die wirtschaftlichen Konsequenzen für die Verlage sind – gerade in künstlerischer Hinsicht hat diese Entwicklung schwerwiegende Folgen. Während der klassische Schriftsteller die Auseinandersetzung über ästhetische Fragen immer häufiger der Jurisprudenz überlässt, kümmern sich andere um den ästhetischen Fortschritt. Die Literaturwerkstatt hat sich schon immer für diese Anderen interessiert und ihnen, etwa auf dem jährlich stattfindenden Poesiefestival oder mit dem „Zebra Poetry Film Award“ Podien geboten und Aufmerksamkeit beschert. Mit der Ausstellung „p0es1s. Digitale Poesie“, die heute in den Sonderausstellungshallen am Kulturforum eröffnet wird, präsentiert sie eines der ehrgeizigsten Projekte der letzten Jahre. Eines der anderen Art eben.

„Digitale Poesie“ sei nur ein Orientierungsbegriff, erläutert Friedrich W. Block, der Kurator der Ausstellung, dieses bislang weithin unbekannte Phänomen. Digitale Poesie meine „schöpferische, experimentelle, spielerische und auch kritische Sprachkunst durch Programmierung, Multimedia, Animation, Interaktivität und Netzkommunikation.“ „p0es1s“ stellt 27 Arbeiten vor, die dieses breite Spektrum künstlerischer Möglichkeiten abdecken. Da ist zum Beispiel die Installation „Text Rain“ von Romy Achituv und Camille Utterback. Auf einer großen Projektionsfläche sieht man Buchstaben herunter rieseln. Tritt der Zuschauer vor die Projektionsfläche, wird er sogleich zum Teilnehmer. Eine Kamera nimmt sein Bild auf, digitalisiert es und projiziert es ebenfalls auf die Wand. Die Buchstaben prallen nun am virtuellen Körper ab. Man kann sie auffangen, anheben und mit einigem Geschick Wörter und Sätze aus ihnen bilden. Diese sehr spielerische Arbeit legt den Schwerpunkt auf die Interaktivität, das heißt auf die Einbeziehung des Besuchers. Die Kategorien „Autor“ und „Leser“ hebt sie auf diese Weise auf.

Daneben zeigt dieses Beispiel einen weiteren Aspekt digitaler Poesie, der die ganze Ausstellung bestimmt: Digitale Poesie mischt unterschiedliche Kunstformen. Sie bedient sich der Mittel der bildenden Kunst wie der Literatur und bringt sie in Einklang miteinander – oder eher: in einen produktiven Dialog. Ein weiteres Beispiel wäre das dreidimensionale Computerprogramm „the arrival of the beeBox“ von Aya Karpinska, in dem die Wörter eines Gedichts durch gestalterische Manipulationen eine Tiefendimension erhalten und damit eine ungewöhnlich räumliche Qualität. Auch hier ist die aktive Teilnahme des Besuchers gefragt.

Das gedruckte Buch bietet all dies nicht. Weder ist es in der Lage, die körperliche Materialität des Lesers in den Akt der Perzeption zu integrieren, noch lassen sich in ihm Text und Bild auf eine nicht-statische Art miteinander verschränken. Genauso ist es um das Verhältnis von Text und Ton bestellt. Zwar wird immer wieder der orale Ursprung der Dichtung beschworen. Kreativ war der Umgang mit dem musikalisch-klanglichen Aspekt von Literatur aber nur in sehr eingeschränktem Maße: Entweder erklang das Wort im Kopf des Lesers von selbst oder es wurde ihm vorgelesen. Einige Arbeiten der „p0es1s“-Ausstellung versuchen, die akustischen Möglichkeiten der Literatur zu erweitern. So hat sich etwa die Medienkünstlerin Ulrike Gabriel mit dem Dichter Oskar Pastior verbunden. Dessen Gedichte selbst basieren schon auf bestimmten Spielregeln, so genannten kombinatorischen Permutationen. Gabriel hat den Computer mit Pastiors Gedichten gefüttert und sie mit einem Programm verbunden, das die Gedichte bei jedem Aufruf neu „weiterdichtet“. Zudem zerlegt das Programm die Pastiorsche Lesung seiner Gedichte in mikroakustische Einheiten und kombiniert sie entsprechend dem jeweils neu generierten Gedicht. So entsteht eine niemals gleiche, potenziell unendliche Pastiorlesung. Dabei kommt die Prozesshaftigkeit digitaler Literatur zum Ausdruck, ihre Lebendigkeit. Eine Lebendigkeit geradezu vegetativer Art.

Noch weiter geht das Künstlerduo „Young-Hae Chang Heavy Industries“, die drei Dimensionen künstlerischer Gestaltung höchst effektvoll zu verbinden wissen: Text, Bild und Ton reagieren in ihren Arbeiten wechselseitig aufeinander und lassen auf diese Weise ein ungewöhnliches Miteinander entstehen.

Die grundlegenden Elemente aller digitalen Poesie sind die Symbole 0 und 1. Der binäre Code findet sich auch im Titel der Ausstellung wieder und bestimmt ihre Szenographie. Schwarz oder Weiß, Ja oder Nein, Sein oder Nichtsein: Von dieser elementaren Unterscheidung geht alle digitale Poesie aus. Sie steht damit in einer langen Tradition subjektunabhängiger Textgenese, angefangen bei der poetischen Kombinatorik des Barock, über Visuelle und Konkrete Poesie bis zu den Experimenten der Gruppe OULIPO. Doch erst jetzt gibt es die Mittel – leistungsstarke Computer, das Internet, Sensoren, Kameras – , um digitale Literatur entstehen zu lassen, die der herkömmlichen Literatur an Komplexität ebenbürtig ist und neue ästhetische Dimensionen erschließt. Dem Besucher respektive Teilnehmer werden Erfahrungen ganz eigener und in den meisten Fällen auch sprachenübergreifender Art geboten. Schon in dieser Hinsicht ist die Ausstellung „p0es1s“ international. Und natürlich kommen die Künstler von „p0es1s“ aus der ganzen Welt.

Eine „Weltversammlung“, so nennt Thomas Wohlfahrt die Ausstellung zu Recht. An Umfang und Reichhaltigkeit hat es Vergleichbares noch nicht gegeben. „p0es1s“ wird nur deshalb bald nicht mehr einzigartig sein, weil aus diesem wegweisenden und inspirierenden Projekt gewiss andere hervorgehen werden – genau das bedeutet nämlich griechisch „poiesis“: dass aus dem Vorhandenen Neues geschaffen wird.

Bis 4. April, Sonderausstellungshallen am Kulturforum. Di–So 10–18 Uhr, Do bis 22 Uhr. Katalog 12 €. Info: www.p0es1s.net

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben