Kultur : Orpheus, steck die Leier weg!

Nick Cave beginnt seine Tournee in Berlin

Christiane Rösinger

Vielen gilt er als Bekannter, manchen sogar als alter Berliner. Nick Cave, der Australier, der seit 15 Jahren in London lebt, betritt die Bühne des ausverkauften Huxley’s im abgeschabten dunklen Anzug, dazu ein weißes Hemd. Rank und schlank wie eh und je beginnt er mit „Abbatoir Blues“ vom neuen Album. Wegen fortschreitender Kreativität hatte man im Studio plötzlich zu viele Songs. So gibt es jetzt zwei CDs im schicken Leinenschuber: „Abbatoir Blues“ und „The Lyre of Orpheus“ (Mute/EMI).

Auf der Bühne alles wie gehabt. Schon beim zweiten Song bringt Cave den ganzen Körpereinsatz eines routinierten Wanderpredigers: Mahnend ragt sein Finger ins Publikum, rudernde Arme und groteske Rumpelstilzchensprünge bei fortschreitender Ekstase. Ein besessenes Kapellmeisterlein dirigiert die Band. Violinist Warren Ellis übertreibt maßlos, an den unspektakulärsten Stellen reißt er den Bogen empor. Selbst in ruhigen Passagen laufen Zuckungen durch seinen Körper. Wird es lebhaft, führt er wahre Veitstänze auf. Dabei imitiert die Geige die Quietschtöne der Gitarrensoli.

Nick Caves Songs handeln, grob zusammengefasst, von Männerschmerz, alttestamentarischen Grausamkeiten, Gott, Tod, Verzweiflung und Reue. Das weibliche Songpersonal fungiert dabei als Krankenschwester, Erlöserin oder stirbt als Verlorene – streng nach Edgar Allan Poes Diktum, es gäbe kein poetischeres Thema als der Tod einer schönen Frau. Es sind entweder Litaneien, in denen er die apokalyptische Bildsprache in unerbittlichen Rhythmussequenzen repetiert und erst im tobenden Refrain Erlösung findet. Der Humor dahinter wird oft übersehen.Nun brechen die neuen Alben die Schwere auch im Text auf. Das gequälte lyrische Ich erwacht mit einem Frappucino in der Hand oder fordert Orpheus auf, sich die Leier sonst wohin zu stecken. Der hervorragende Backgroundchor verleiht den Bad Seeds mit heller Klangfarbe eine ungekannte Luftigkeit.

Im Zugabenblock natürlich noch einmal die alten Heuler „Weeping Song“, dem Ex-Gitarristen Blixa Bargeld gewidmet, aber das treibende „Mercy Seat“ funktioniert live ohne Bargeld nicht mehr. Es gerät zum Trauerspiel. Als das Licht angeht liegt eine zufriedene, fast heilige Stimmung über der alten Halle, der einstigen Neuen Welt. Im dichten Novembernebel zerstreut sich das Publikum von der Hasenheide aus in alle Richtungen. Zum ersten Mal in diesem Jahr denkt man an Weihnachten.

Deutschlandtour Nick Cave & The Bad Seeds: Düsseldorf 18.11., Hamburg 21.11., Leipzig: 22.11., München: 26.11.

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