Kultur : Orpheus vom Lande

Das Wojwodinaer Welttheater des Otto Tolnai: derzweiteErzählbanddesungarischenDichters

Jörg Plath

Der berühmte Danilo Kis wurde in der Wojwodina geboren, ebenso wie sein jüngst wiederentdeckter, gefeierter Schriftstellerkollege Dezsö Kosztolányi („Ein Held seiner Zeit“). Aber nur Otto Tolnai hat sich den Menschen dieser Provinz im nördlichen Jugoslawien, nahe der Grenze zu Ungarn, ausschließlich verschrieben. Wenn in einer seiner Erzählungen das „Tolnaische Weltlexikon“ erwähnt wird, dann ist nicht das ungarische Pendant zum Brockhaus gemeint. Tolnai schreibt selbst an einer Art Weltlexikon, in dessen Mittelpunkt die Wojwodina steht. Mehr als 30 Bücher mit Gedichten, Kunstkritiken und Prosa aller Art hat der 64-Jährige bisher vorgelegt. Die neuesten Einträge in seinem Wojwodiner Weltlexikon heißen „Die Lotterie“, „Wasserlilien“, „Pick“ und „Schustermatt“. Sie finden sich nun in dem schmalen Buch „Eine Postkarte an Don Dukay“.

Es ist nach „Ich kritzelte das Akazienwäldchen in mein Heft“ (2002) Tolnais zweiter Erzählband auf Deutsch (erschienen in der Buchreihe des DAAD-Künstlerprogramms), und die Postkarte spielt in der Erzählung „Blumberger“ zunächst keine Rolle. Zwei Freunde besuchen den Erzähler in Palics. Sie haben auf einem Friedhof Gräber fotografiert, bei einem Schnäpschen erinnern sich die drei an einige Tote, sprechen über einen entstehenden Roman, und „urplötzlich“ ist die Rede von Ansichtskarten aus Kaniza, dem Geburtsort des Erzählers, hinter dem sich unverkennbar Tolnai verbirgt. Der Zahntechniker Blumberger wolle sie verkaufen. Der Erzähler besucht Blumberger, doch der zeigt ihm winzige Köpfe, die er aus Kieselsteinen herausgefräst hat. „Der Mensch ist ein Tier“, sagt er und erzählt sein Leben. Den Deutschen entging der Jude zunächst, weil er sich als Ungar ausgab, später schickte man ihn nach Mauthausen, wo Blumberger mit ansehen musste, wie ein Offizier ein jüdisches Kind ermordete. Er legt die Steine weg, holt die Postkarten hervor und nach kurzem Handel ist der Besuch zu Ende. Zu Hause entziffert der Erzähler die Postkarten: Berichte aus der Kur in Kaniza, über einen Badeanzugkauf und den Künftigen. „Morgen wird er mich besteigen, und ich guck nur in die Luft, meine liebe Csöpi, ich guck in die Luft wie ein Berg.“ Der letzte Satz der Erzählung gilt der Briefmarke.

Eine bukolische Stimmung wohnt dieser Prosa inne, schiere Absichtslosigkeit scheint ihr Zeitmaß auszumachen. Alltägliches und Schrulliges, Glück und Grauen des letzten Jahrhunderts haben gleichermaßen Platz in den Unterhaltungen. Alles gleitet ineinander, und es scheint Tolnais größte Sorge zu sein, dieses Gleiten nicht abreißen zu lassen. Als Orpheus vom Lande webt er an einem Prosateppich, dessen Knotenpunkte Palics, Szabadka, Kaniza, Ujvidek und Szeged mit der ganzen Welt verbunden sind. Tatsachen wie Erfindungen gehen unterschiedlos in ihn ein. Die Kultur der Provinz, merkt Gábor Csordás in seinem klugen Nachwort an, ist ein Kunstwerk der Einbildungskraft, die Fernes und Nahes auf abenteuerliche Weise zusammenrückt.

Otto Tolnai stellt „Eine Postkarte an Don Dukay“ am 25.2. um 20 Uhr im Literaturhaus (Fasanenstraße 23) vor.

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