Kultur : Ort des Schreckens, Höhle des Glücks

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Es hätte ein so großartiges Popalbum werden können. Doch dann entschied Björk, dieses Wunderwesen aus Island, auf alle Instrumente zu verzichten und jeden Ton, jedes Rauschen und jeden Beatschlag singen zu lassen. So ist etwas anderes entstanden, etwas Luftgeistiges und wolkenhaft Phänomenales. Dass auch Björk selbst dieser radikale Ausdünnungs und Verdichtungsprozess nicht geheuer war, hört man, wenn sich ihr Organ in die Zeile verkrallt: How am I gonna make it right.

Wie soll ich es nur richtig machen? „Medúlla“ ist eine Platte, wie sie nur selten und von den mutigsten Musikern ersonnen wird. Aus dem Wunsch nach vollkommener Musikalität entstand ein Stimmengewirr, das von fragilen Melodien, säuselnden Chören und dem Rhythmus des Atmens, Stöhnens und Hechelns durchflutet ist. Und wenn doch einmal elektronische Klänge auftauchen, dann bleiben es zarte Andeutungen. Hier geht es um den menschlichen Körper, als Resonanzraum, als Ort des Schreckens und Höhle des Glücks, als pulsierende Membranmaschine, die niemals Ruhe gibt. Fortwährend Blut pumpt, Luft einsaugt, wieder ausstößt.

Es ist eine für Björk charakteristische Bewegung: Sie sucht das Neue und bohrt ihren Blick in die Vergangenheit. Den Singsang der „alten Frauen“ Islands, der Innuit und das Zischeln und Krachen des HipHop. Es ist betörend, mit welcher Leichtigkeit hier all jene Ängste abgestreift werden, die aus Popmusik ein im Sound, in Attitüde und Thematik weitgehend festgelegtes Style- Territorium machen. Fünf Alben hat die zierliche Frau bereits aufgenommen. Jedes brach mit den Konventionen des Vorgängers. Keines war so stark Folkmusik und moderne Kunst zugleich wie ihr letztes. KM

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