Kultur : Orte finden

Peter Herbstreuth

wandert durch die Galerien an der Jannowitzbrücke Es gehört zu den Talenten von Galeristen, Orte zu definieren, die zuvor konturlos waren. Das Ziel Barnett Newmans, mit Werken einen Ort zu schaffen, ist bei Kunsthändlern kollektives Ergebnis. Die Werke wechseln. Der Ort bleibt. Das gelang vor zehn Jahren zwischen dem Hackeschen Markt und der Torstraße, dann in der Zimmerstraße und jüngst in den S-Bahn-Bögen an der Jannowitzbrücke. Hier, in der Holzmarktstraße, residieren sechs Galerien. Drei von ihnen eröffnen heute um 18 Uhr neue Ausstellungen.

Bei Mehdi Chouakri hatte der 1974 geborene Markus Sixay letztes Jahr 150 Kilo Konfetti knöcheltief verstreut. Die Wände waren malerisch mit Cola-Kaskaden bespritzt. Es roch nach Brombeeren und sah wie der Morgen nach einer Stehparty aus. Diese Schau hat das Museum für Moderne Kunst in Frankfurt jetzt komplett in den aktuellen „Szenenwechsel“ übernommen. Gestern war die Galerie noch leer. Sixay wartet auf den Moment, da ihn die Muse küsst. Zum heutigen Abend hat er Cheerleader zum Tanz engagiert. Sein Motto „creating nothing by creating something without creating anything“ ist Lebenskunst wie Vogelgesang. Er schafft kein Werke, sondern Situationen mit Stil. Früher hieß das Avantgarde (bis 26. Juni).

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Im Gegensatz dazu eröffnet Atle Gerhardsen unter dem Titel „Less“ mit je einem Werk von Carl Andre, John McCracken und Cady Noland eine erstaunlich pure Kunsthändlerschau wertsteigender Werke (5000 bis 40000 Euro, bis 26. Juni). Sie gewinnt ihren Kick vor allem durch den Kontrast, den andere Galerien mit der nicht geklärten Gegenwart erzeugen – wie immer wieder Max Hetzler, der eine Schau phänomenaler Camera-obscura-Panoramen von Vera Lutter zeigt (23500 bis 70000 Dollar, bis 26. Juni). Unlängst waren sie im Kunsthaus Graz zu sehen. Die 1960 geborene Künstlerin fasst den Blick auf das Bewag-Kraftwerk gegenüber den S-Bahn-Bögen in strahlende Nacht, so dass die Augen in Zentimeterschritten auf Entdeckungsreise gehen. Schaut man in einer der Galerien zum Fenster hinaus, sieht man das Gleiche in Bunt, doch weniger wirklich, als würde Lokalfarbe täuschen.

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Noch bis 22. Mai zeigt Paul Graham bei Carlier Gebauer eine Reportage über Verlierer des Hyperkapitalismus amerikanischer Großstädte. In 63 Fotografien verschwinden die Personen in der Überbelichtung. Auch hier wird der Blick durch die Verfremdung in die Bilder hineingezogen, weil Graham den objektiven Tatbestand aus der Sicht der Leidtragenden als Metapher verdeutlicht. Die Dokumentation wird zum Vorstellungsbild von Unorten. „American Night“ bricht die Gesetzte des Genres Landschaftsfotografie, um sie für die Gegenwart zu retten (23000 Dollar). Das Doppelsolo ergänzt der 1974 geborene Bojan Sarcevic mit 76 Bildcollagen (7bis 8-teilige Gruppe 4000 Euro). Sarcevic entnahm der Zeitschrift „Baumeister“ von 1954 Abbildungen öffentlicher Gebäude und verschob die Ornamente. Die Fotos sehen nach fünfzig Jahren wie Architekturmodelle aus: irreal, künstlich. Erst die Manipulationen hauchen ihnen Leben ein, machen sie jenseits der Dokumente für die Einbildungskraft wirklich. Offenbar liegt im Fake die Zukunft der Wahrheit.

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