Kultur : Orthodoxe? Reformisten? Liberale?

FESTAKT

Gerwin Klinger

Mit einer Feierstunde hat die Weltunion für progressives Judentum (WUPJ)am Donnerstag den 75. Jahrestag ihrer ersten Konferenz begangen, zu der sich ihre Delegierten 1928 im Plenarsaal des ehemaligen Preußischen Herrenhauses in Berlin versammelten. Zu den Festrednern im Jüdischen Gemeindehaus in der Fasanenstraße gehörten neben den Repräsentanten des WUJP auch Bundesinnenminister Otto Schily, Stadtentwicklungssenator Peter Strieder, der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Alexander Brenner, und der Geschäftsführer des Zentralrats der Juden in Deutschland, Stephan Kramer, der ein Grußwort von Paul Spiegel verlas.

Die WUPJ vertritt ein liberales Reformjudentum. Es unterscheidet sich vom orthodoxen Judentum dadurch, dass die Liturgie sowohl in hebräisch als auch in der jeweiligen Landessprache gehalten wird, Männer und Frauen in religiösen Angelegenheiten gleichberechtigt sind und die Konversion zum Judentum erleichtert wird. Heute gilt es als eine der weltweit mitgliederstärksten jüdischen Glaubensrichtungen. Ihr gehören etwasiebzig Prozent der nordamerikanischen Gemeinden an. In Deutschland, bis 1933 Zentrum eines blühenden liberalen Judentums, befindet sich die Union progressiver Juden, die erst 2000 in Berlin eine Geschäftsstelle eröffnete, in einer angespannten Minderheitenposition gegenüber der orthodoxen Strömung, die den jüdischen Zentralrat dominiert. Diese Spannungen zwischen orthodoxen und liberalen Judentum gaben den Plädoyers, die an diesem Abend für eine Anerkennung der wachsenden Pluralität jüdischen Lebens in Deutschland gehalten wurden, ihreBedeutung.

So signalisierte der Zentralratsvorsitzende Paul Spiegel den liberalen Gemeinden in seinem Grußwort Entgegenkommen. Er sei zuversichtlich, dass „wir hinsichtlich der institutionellen Umsetzung dieses pluralistischen Anspruchs in der gemeinsamen Vertretung der Juden in Deutschland nach Aufklärung sachlicher Missverständnisse einen gemeinsamen Konsens finden werden“. Mit Blick auf den Staatsvertrag, der Anfang dieses Jahres mit dem Zentralrat der Juden geschlossen wurde und ihm jährliche Fördergelder in Höhe von drei Millionen Euro zufließen lässt, drängte auch Schily: „So wie Bundesregierung, Bundestag und Bundesrat dabei (dem Vertrag) die gesamte deutsche Gesellschaft repräsentiert, so erwarten wir umgekehrt, dass der Zentralrat der Juden in Deutschland die gesamte jüdische Gemeinschaft in Deutschland in die Praxis des Vertrages mit einbezieht.“

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