Kultur : Orwells Liste

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Jörg Plath über die Wohltat

des Vergessens

Unaufhaltsam schreitet der Fortschritt voran. Eines seiner unscheinbaren, bedeutsamen Hilfsmittel war die Liste. Sie ermöglichte die quantitative Erfassung und statistische Bearbeitung des krummen Holzes, aus dem für Kant der Mensch gemacht war. Inzwischen ist die Liste durch subtile Maßnahmen ersetzt; so versichert sich die Gegenwart, wann immer ein Exemplar dieses Fortschrittshelfers aus dem Archiv auftaucht, wie weit sie darüber hinaus, wie zivilisiert sie ist.

Bestens erfüllt diesen Zweck die Liste von 38 Personen, die der Schriftsteller George Orwell für kommunistische Agenten oder Sympathisanten hielt und 1949 der GegenpropagandaAbteilung im britschen Außenministerium übergab. Charles Chaplin ist darauf verzeichnet, der Autor J. B. Priestley, der Trotzki-Biograf Isaac Deutscher, der Schriftsteller Michael Redgrave und andere. Der berühmte Verfasser des antitotalitären Romans „1984“ – ein Denunziant? Wer sich so entrüstet, spricht im Geiste des Fortschritts und des Ministeriums für Wahrheit. An seinem Arbeitsplatz dort hätte Winston Smith, Orwells Protagonist in „1984“, die Liste sicher vernichtet: um der Zukunft willen. Mittlerweile ist diese Zukunft unsere Gegenwart, die Arbeit der Fälscher besorgen endemische Gedankenlosigkeit und moralische Kurzatmigkeit. Anders ist die Häme, mit der die „FAZ“ Orwells Liste ein Problem für die Linke nennt, so wenig zu erklären wie das Unwohlsein von Timothy Garton Ash, der im „Guardian“ von einer beunruhigenden Entgleisung spricht. Vergessen scheint, dass Kooperation mit den Regierungen, die Hitler besiegt hatten, vielen Intellektuellen im Kalten Krieg nicht fern lag. Wie sie war Orwell, der heute vor 100 Jahren geboren wurde, ein Sohn des Jahrhunderts der Ideologien; aber er hatte die Kommunisten im Spanischen Bürgerkrieg als Verräter hassen gelernt.

Die Listen haben ausgedient. An ihre Stelle treten Rasterfahndungen, Telefon- und (in den USA) Bibliotheksüberwachungen. Mit Hilfe bedeutender Persönlichkeiten werden gigantische Datenmengen erstellt, die geheim bleiben. „Freiheit ist Sklaverei. Unwissenheit ist Stärke“, heißt es in „1984“. Aus gegebenem Anlass fügen wir hinzu: Vergessen ist Fortschritt.

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