Kultur : Osama bin Laden: Einfach verschwunden

Malte Lehming

Es ist leer geworden in dem kleinen, idyllischen Dorf. Es heißt Southern Pines und liegt im US-Bundesstaat North Carolina. Der Wärter im Café sagt, einige seiner Stammkunden habe er seit Tagen nicht mehr gesehen. An der Tankstelle fährt auch keiner mehr vorbei. Die Bar ist abends wie ausgestorben. Besonders junge Männer werden vermisst - und zwar nicht bloß einige. Seit dem 11. September ist das so. Verabschiedet hat sich keiner, sie sind einfach verschwunden.

Wenige Kilometer von Southern Pines entfernt liegt Fort Bragg. Von dort aus werden die Kommandotruppen des US-Heeres befehligt, die in Krisengebieten überall auf der Welt eingesetzt werden. Die Elite-Soldaten des Heeres, die so genannten "Army Rangers", sind ein Teil der insgesamt rund 30 000 Soldaten umfassenden "Special Operation Forces" (SOF). Das ist die Bezeichnung für sämtliche US-Elite-Einheiten, die immer dann herangezogen werden, wenn eine Lage wirklich brenzlig ist. Zu den 1962 gegründeten SOF zählen neben den Rangers auch die "Green Berets" und die "Navy Seals" der Marine. Mit gut vier Milliarden Dollar (8,5 Milliarden Mark) jährlich finanziert der Kongress diese Spezial-Einheiten ziemlich großzügig.

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Fotos: Die Ereignisse seit dem 11. September in Bildern Die Rangers sind ein Regiment mit drei Bataillonen. Ihre Stärke sind schnelle Aktionen sowie Nachtkämpfe und die Einnahme von Flugplätzen. Das könnte in Afghanistan von besonderer Bedeutung sein, um sich dort selbst einen oder mehrere Stützpunkte zu sichern. Seit dem Vietnamkrieg waren die Rangers bei jeder militärischen Auseinandersetzung dabei. Dem Heer zugeordnet sind ebenfalls die "Green Berets", die offiziell "Army Special Forces" heißen. Das sind Aufklärungsspezialisten, die außerdem für den Kampf gegen Terroristen geschult wurden.

In kleinen Gruppen

Zuletzt aktiv waren sie im Golfkrieg bei der "Operation Wüstensturm". Am Freitag meldete erst die Zeitung "USA Today", dass sich ein US-Sonderkommando bereits in Afghanistan aufhalte, um Osama bin Laden gefangen zu nehmen oder zu töten. Dann bestätigte ein "hoher Regierungssprecher" dem Sender CNN, dass US-Sondereinheiten in Afghanistan sind. Die Suche konzentrierte sich auf Höhlen und unterirdische Bunker. Zur Marine wiederum zählen die "Navy Seals" (die Abkürzung für Seal steht für Sea, Air and Land). Die in kleinen Gruppen operierenden Teams können aus der Luft, von Land und von See aus eingesetzt werden. Ausgebildet werden sie in San Diego (Kalifornien) und Norfolk (Virginia). Die etwa 170 000 "Marines" verstehen sich zwar ebenfalls als Elitetruppe, sind aber aufgrund ihrer allgemeineren Ausbildung mit den Spezialkommandos nicht zu vergleichen.

Mit zwei Kopfschüssen

Die geheimnisvollste und sagenumwobenste Truppe ist die "Delta Force" - die Elite-Einheit. Sie umfasst nicht mehr als 2000 Mann, deren Namen und Adressen außerhalb des Heeres anonym bleiben. Viele von ihnen erzählen nicht einmal ihren Familien, in welcher Einheit sie dienen. Das US-Militär selbst äußert sich grundsätzlich nicht über die Delta Force, weder über Existenz noch Aufgaben. Der Name findet sich in keiner offiziellen Publikation. Allerdings stand vor wenigen Jahren eine kleine Notiz auf der Web-Seite des Heeres: "Die Delta Force ist so organisiert, dass sie schnelle, chirurgische Maßnahmen durchführen kann.

Etwas präziser wurde Charlie A. Beckwith, der erste Kommandant der 1977 gegründeten Einheit. In seinen Memoiren schreibtBeckwith, der 1994 starb, dass die Soldaten in Fort Bragg ausgebildet und darauf trainiert wurden, "mit zwei Kopfschüssen jeden Terroristen zu töten". Für Militärexperten ist klar: Für den Nahkampf gegen bin Laden ist keine Einheit so gut ausgerüstet wie die Delta Force. "Sie haben keine Haftbefehle und nehmen keine Gefangenen", sagt Eric Haney, der nach eigenen Angaben acht Jahre lang für die Delta Force gearbeitet hat. "Sie müssen die Menschen töten, die getötet werden sollen. Für die Situation, in der sich unser Land gerade befindet, sind sie ideal."

Die Auswahl der Delta-Force-Soldaten ist ebenso hart wie die Ausbildung. Dazu zählen Überlebenstraining im feindlichen Gelände (tagelang ohne Nahrung) wie der Gebrauch von Blendgranaten oder selbst gebastelten Bambuswaffen. "Diese Soldaten müssen Individualisten sein, unabhängig, zäh, geduldig, aggressiv", schreibt Beckwith. Meistens operieren sie in Vierergruppen, manchmal aber sind sie auch auf sich allein gestellt. "Das sind jetzt genau die Richtigen", sagt Sicherheitsexperte Daniel Goure. "Diese Typen gehen in jede Höhle und jeden Bunker. Ich wette, sie sind schon ganz dicht an dem Netzwerk der Terroristen dran." Auf Nachfrage im Pentagon heißt es nur: kein Kommentar.

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