Oscar-prämierte Doku "20 Feet From Stardom" : Die Schattenstimmen

Ihr Platz ist stets im Hintergrund, nur wenige Schritte entfernt vom Ruhm: Die oscargekrönte Doku "20 Feet From Stardom" rückt nun die vergessenen Stars des Pop, die Backgroundsängerinnen, ins Licht.

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Schön im Hintergrund: "20 Feet From Stardom".
Schön im Hintergrund: "20 Feet From Stardom".Foto: Weltkino

Der Weg in die glorreiche Vergangenheit führt durch endlose Flure, vorbei an Konferenzzimmern und den üblichen Glanzdevotionalien der Goldenen Schallplatten. Dann betritt Merry Clayton einen holzvertäfelten Raum, hebt die Arme und schließt kurz die Augen, so als wolle sie noch einmal zurückkehren zu dieser Nacht im Frühjahr 1969, als sie hier Musikgeschichte geschrieben hat.

„Ein magischer Ort“, sagt sie über den eher unspektakulären Raum, ein Musikstudio in Los Angeles. „Ich wurde mitten in der Nacht angerufen, es sei eine britische Band in der Stadt, Rolling Irgendwas, die wollten was mit mir aufnehmen.“ Als sie von einer Limousine abgeholt wurde, trug die Sängerin noch einen Pyjama und darüber einen Pelzmantel. Den Text, den sie singen sollte, handelte von Mord und Vergewaltigung, und Mick Jagger fand es „toll, wenn das eine Frau singen würde“: „Rape, murder / It’s just a shot away.“ Merry Clayton musste erst einmal schlucken, dann dachte sie sich: „Ich puste die einfach aus dem Raum.“ Wer den Song hört, kann das nur bestätigen: Merry Clayton ist ein Orkan. So entstand „Gimme Shelter“, das viele Kritiker für das beste Stück der Rolling Stones halten.

Die Szene gehört zu den bewegendsten Momenten in dem mit einem Oscar dekorierten Dokumentarfilm „20 Feet From Stardom“ des US-Regisseurs Morgan Neville. Der Titel bezeichnet eine scheinbar kurze, tatsächlich aber unüberwindbare Entfernung. Die etwa ein Dutzend Künstlerinnen, die der Film porträtiert, sind Backgroundsängerinnen, ihr Platz ist stets im Hintergrund der Bühne, nur wenige Schritte vom Star entfernt – und vom Ruhm.

Als Anfang der sechziger Jahre erstmals schwarze Begleitsängerinnen für Studioaufnahmen engagiert wurden, bedeutete dies eine regelrechte Kulturrevolution. Der Soul, den sie mitbrachten, klang rau und sehr körperlich, „sie waren frei, beim Singen ihren Gefühlen zu folgen“, erzählt Stevie Wonder. Bis dahin hatten außerordentlich brave weiße Sängerinnen das Geschäft beherrscht. „Wir nannten sie ,die Leser’“, erinnert sich Backgroundveteranin Darlene Love an die Konkurrentinnen. „Sie konnten nichts ohne die Noten vor der Nase.“

Die Girl-Group The Blossoms, bei der Love sang, wurde vom jungen Starproduzenten Phil Spector angeheuert. Der war allerdings nur an seinem wall of sound interessiert, Musiker sah er als bloße Erfüllungsgehilfen. Mit dem Hit „He’s a Rebel“, den die Blossoms aufnahmen, schickte er die Crystals auf Tour. Kurz danach wollte Darlene Love ihre erste eigene Single veröffentlichen: „He’s Sure the Boy I Love“. Einen Monat später hörte sie den Song im Radio, „und der DJ sagte: Das ist der neue Single von den Crystals. Ich war stinksauer.“

Der Film nun zeigt – einer seiner großen Augenblicke –, wie die Blossoms sich nach 40 Jahren noch einmal in einem Studio treffen. Einst begleiteten sie Sam Cooke, Elvis und Frank Sinatra. Jetzt sind es grauhaarige, etwas füllige Damen, die a cappella „Da Doo Ron Ron“ singen – noch so ein Lied, mit dem dann andere einen Hit hatten.

„Es ist ein weiter Weg zur Bühnenfront“, sagt Bruce Springsteen. „Man braucht Narzissmus, man braucht Ego.“ Einige Protagonistinnen probierten eine Solokarriere – doch zum Star brachte es keine. Merry Clayton veröffentlichte seit den siebziger Jahren fünf Alben, kam aber nicht an ihrem Vorbild Aretha Franklin vorbei. Darlene Love brauchte lange, um sich aus den Verträgen mit Phil Spector zu befreien, schlug sich zeitweilig als Putzfrau durch, schaffte es aber spät doch und wurde sogar in die Rock ’n’ Roll Hall of Fame aufgenommen. Táta Vega wiederum musste sich anhören, nachdem sie einen Plattenvertrag beim Motown-Label ergattert hatte: „Du bist zu fett, zu alt, du solltest den Beruf wechseln.“ „20 Feet From Stardom“ mag zwar mitunter zu sprunghaft und abschweifend geraten sein, mitreißend aber ist er zweifellos. Den vergessenen Stars der Popmusik setzt er endlich ein Denkmal.

In Berlin im b-ware! ladenkino; OmU im Babylon Kreuzberg, Downstairs-Kino im Filmcafé, Filmrauschpalast und Filmtheater am Friedrichshain

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