Kultur : Oscar-Verleihung: Black is powerful

Tränen des Glücks, gemessen konzentrierte Feierlichkeit und eine ungeheuer energische, wie sich aus lebenslangem Ingrimm befreiende Freude: In dieser großen und schönen psychologischen Spannweite, ausgemessen von Halle Berry über Sidney Poitier bis zu Denzel Washington, fokussiert sich das eigentliche Ereignis dieser 74. Oscar-Nacht: die Ankunft der schwarzen Schauspieler in der Mitte Hollywoods. Und die Ankunft des schwarzen Amerika in der noch immer dominierenden Gesellschaft der white anglo-saxon protestants - schließlich sind sie als mediale Identifikationssymbole immer auch aktive Vorkämpfer aller Schwarzen. Der Triumph der beiden jungen Hauptdarsteller, die den für sein Lebenswerk Geehrten flankieren, steht für mehr als ein Symbol: Hollywood ist zusammengerückt, so wie die amerikanische Gesellschaft im Jahr Eins nach dem 11. September zusammengerückt ist - und hat so auch ein bisschen an der großen politischen Geschichte mitgeschrieben.

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Porträt: Halle Berry
Porträt: Denzel Washington
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Schon recht, die Popcorn-Kinowelt mag dem schon länger vorausgeeilt sein, worunter die Filmakademie nun mit den ersten gleich zweifachen Hauptdarsteller-Oscars seit Menschengedenken einen Schlusspunkt setzte. Stars wie Denzel Washington und Will Smith gehören längst zu den Großverdienern der Branche - und was, bitteschön, drückt Gleichberechtigung im Kapitalismus kühler und perfekter aus als ein gleicher Paycheck? Und doch: Noch sind, das macht der Erfolg Halle Berrys erst richtig bewusst, die schwarzen Schauspielerinnen im Geschäft mit den Top-Rollen im Hintertreffen. Noch braucht es die massive Fürsprache weißer Paten wie Julia Roberts und Warren Beatty, um die Academy-Mitglieder zum großen Zeichen zu bewegen. Noch zeigt gerade der vor der Weltöffentlichkeit ausgekostete Triumph selbst, dass in Sachen Schwarz und Weiß noch keineswegs alles normal ist in Hollywood - und in Amerika sowieso. Wieder ein Stück normaler kann es von jetzt an werden. Und richtig gut wird es wohl erst an jenem Tag sein, wo Weiße und Schwarze ohne White-Trash-Diskriminierung und ohne Black-Power-Pose schwarz und weiß sagen können. Und nicht "dunkelhäutig", "farbig" oder, Gipfel politischer Korrektheit, african american.

Die Euro- sowie Australoamerikaner jedenfalls sahen arg blass aus in dieser feurigen Nacht. Das begann schon mit der nicht besonders großartigen Idee, ausgerechnet Tom Cruise das erste Gedenken an den 11. September zu überlassen. Für die These, "jetzt erst recht" zu feiern, eignet sich nur mäßig ein Schauspieler und Produzent, dessen Filme in aller Regel mit Zerstörungsorgien enden. Überdies wurden mit Nicole Kidman und Russell Crowe die beiden stärksten Favoriten binnen Sekunden zu den eigentlichen Verlierern dieser Zeremonie. Kidman, die auch abseits von "Moulin Rouge" in jüngerer Zeit eine Reihe starker Filme gemacht hat, hätte man ihren ersten Oscar gegönnt. Crowe dagegen hatte sich mit dem brennenden Ehrgeiz, es mit zwei Oscars am Stück Spencer Tracy und Tom Hanks nachzumachen, verspekuliert - und auf die böse Kampagne gegen "A Beautiful Mind" selbst mit aggressiven Ausfällen reagiert. Nun darf er sich in der ungewohnten Rolle als guter Verlierer üben.

"A Beautiful Mind" - und das überrascht nur Leute, die nicht taktisch denken - hat gerade von jener Mitleidswelle profitiert, die die Kampagne gegen den Film und seine Titelfigur, den Mathematiker John Nash, erst ausgelöst hatte. Ganz finstere Interpreten könnten sogar auf die Idee kommen, das Dreamworks-Studio selbst habe die Kampagne gegen ihren Helden lanciert, um angesichts eines höchst ungewissen Rennens am Ende die Lorbeeren einzusammeln; die zeitweise verdächtigten Konkurrenten von Miramax jedenfalls, selbst mit "In the Bedroom" dabei, hatten entsprechende Verdächtigungen entrüstet zurückgewiesen. Halten wir es mit der souveränen Moderatorin Whoopi Goldberg, die die beträchtliche Schlammschlacht vor der Oscar-Entscheidung mit den Worten wertete, dabei seien diesmal alle "schwarz geworden".

Abseits des historischen Moments - black is powerful - wird diese Oscar-Nacht und mit ihm dieses amerikanische Filmjahr wohl schnell vergessen sein. "A Beautiful Mind" und "Der Herr der Ringe" gingen mit je vier Oscars parallel durchs Ziel: das kühl auf die traditionellen Reflexe der Filmakademie zielende Drama, das sich durch Wahl des Krankheits-Themas moralisch vorab selbst adelte - und der erste Fantasy-Film überhaupt, freilich überwiegend in jenen Neben-Kategorien, die seine eigentliche Stärke sind. Applaus, aber ja. Zwei echte Tränen dagegen darf der Cineast für zwei echte Verlierer vergießen, beide jeweils fünfmal nominiert: "Amélie", zwar anderswo schon heftig gepriesen, hat die no-show nicht verdient, und etwas mehr Entdeckerfreude in Sachen "In the Bedroom" hätte man den 5700 Akademie-Abstimmenden denn doch zugetraut.

Lachtränen sind allemal schöner. Wir reservieren sie uns für Woody Allens wunderbaren, überraschenden, vierminütigen Auftritt. Der Mann kann alles: trauern über New York, ohne eine Schweigeminute auszurufen, und in derselben Sekunde lachen über das Leben und über sich selbst. Seine Mini-Stand-up-Comedy ging, sehr verkürzt, ungefähr so: "Vor vier Wochen bekam ich einen Anruf von der Academy. Ich war gleich in Panik. Wollten sie mir vielleicht meine Oscars wegnehmen? Nein, das war es nicht. Dann dachte ich: Für meinen neuen Film "Jade Scorpion" bin ich diesmal in keiner Kategorie nominiert - wahrscheinlich wollen sie sich entschuldigen. Aber auch das nicht. Und dann: Vielleicht kriege ich einen Ehren-Oscar fürs Lebenswerk, dabei bin ich doch erst 66 und habe erst ein Drittel rum! Dann rückten sie damit heraus, ich solle wegen des 11. Septembers einen kleinen Hommage-Film auf New York anmoderieren. Da nannte ich ihnen gleich: Martin Scorsese, Mike Nichols, Spike Lee, Sidney Lumet - bestimmt 15 Namen von Leuten, die das besser können als ich. Und die Antwort? Ja, das wissen wir auch, aber die haben leider alle schon abgesagt."

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