Oscars : Nacht der Träumer

Oldies but goldies: Michel Hazanavicius gewinnt mit seiner Stummfilm-Wiedererfindung „The Artist“ den Oscar für den besten Film. Martin Scorseses "Hugo Cabret" muss sich mit den Technik-Trophäen zufriedengeben. Durch die Gala im Retro-Look führt Schauspieler Billy Crystal.

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Schauspieler Billy Crystal führte bereits zum neunten Mal durch die Preisverleihung. Viele sprachen von der besten Show seit Jahren.Weitere Bilder anzeigen
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27.02.2012 14:19Schauspieler Billy Crystal führte bereits zum neunten Mal durch die Preisverleihung. Viele sprachen von der besten Show seit...

Zweistellige Oscar-Nominierungen sind gefährlich. Vor allem bei starker Konkurrenz. Da kommt es schon mal vor, dass der eben noch in den Star-Himmel gehobene Favorit binnen Stunden in der Versenkung verschwindet. Rekordhalter unter diesen Losern ist seit 26 Jahren „Die Farbe Lila“: Steven Spielbergs Film musste sich „Jenseits von Afrika“ geschlagen geben und ging trotz elf Nominierungen gänzlich leer aus. Letztes Jahr verfehlte „True Grit“ der Coen-Brüder knapp diese Marke: zehn Nominierungen, kein Oscar. „The King’s Speech“ machte das Rennen.

So grausam hätte die Oscar-Academy auch diesmal wieder sein können: Martin Scorseses „Hugo Cabret“ führte mit elf Nominierungen vor Michel Hazanavicius’ „The Artist“ mit zehn. Aber es passt zu insgesamt harmoniebedürftigen, historienseligen Jahrgang, dass die beiden redlich teilen. Ja, auf dem Papier sogar pari pari. Nur dass die fünf Technik-Oscars für Scorseses verspielte Hommage für den Filmpionier Georges Méliès auf der Goldwaage dann doch leichter wiegen als die fünf für die virtuose Stummfilm-Wiedererfindung „The Artist“. Der holt die Preise für die Regie, den Hauptdarsteller und die besonders umkämpfte Top-Trophäe für den besten Film.

Das Team von „The Artist“ mit Regisseur Hazanivicius (Brille) und Hauptdarsteller Jean Dujardin hinter Hund Uggie.
Das Team von „The Artist“ mit Regisseur Hazanivicius (Brille) und Hauptdarsteller Jean Dujardin hinter Hund Uggie.Foto: dpa

Nur Zweckpessimisten hatten zuvor noch vermutet, das höchst kalifornische Unternehmen namens Oscar, gesteuert von rund 4400 Wahlmännern und 1400 Wahlfrauen, würde sich in letzter Sekunde auf nationale Werte besinnen. Also: Her mit dem Amerikaner Scorsese und weg mit dem charmanten, aber letztlich französischen Bildnaschwerk. Andererseits: Das Ding heißt ja nicht „L’ Artiste“, ist zweitens englischsprachig (zumindest in den Stummfilm-Texttafeln) und drittens durchweg in Los Angeles gedreht. Und viertens führt – zumindest derzeit – der ganze Stars-and-Stripes-Kram sowieso in die Irre. Denn auch Oscar tickt global.

Zum zweiten Mal, nach dem britischen Triumph mit „The King’s Speech“, geht die Trophäe nach Europa. Zwar nicht an die zahlreichen deutschen Aspiranten, Wim Wenders vorneweg, aber das ist nur aus deutscher Sicht bedauerlich. Oscar parle français! Und das ist genauso „formidable“ wie der überglückliche „Artist“ Jean Dujardin seinen Jubel in der Oscar-Nacht herauskrächzt. Zumal das US-Kino in Sachen Filmkunst – und um sie geht es ausdrücklich auch bei den Oscars – seit Längerem lahmt. Wozu Preise für die ewigen Sequels, die doch bloß den Markt überschwemmen? Wozu einer Fantasie applaudieren, die sich in der Konfektion von Merchandising-Figuren erschöpft? Warum den 3-D-Boom belohnen, wenn er meist nur höhere Ticketpreise generiert?

Regisseur Asghar Farhadi freut sich über die Auszeichnung von "Nader und Simin" als bester fremdsprachiger Film.
Regisseur Asghar Farhadi freut sich über die Auszeichnung von "Nader und Simin" als bester fremdsprachiger Film.Foto: REUTERS

Da ist „The Artist“ von ganz anderem Kaliber. Michel Hazanavicius, in Frankreich zuvor als Gagschreiber, Drehbuchautor, Werbefilmer und Regisseur seiner „OSS 117“-Spionagekomödien bekannt, zitiert zwar die Stummfilmgeschichte, feiert sie aber zugleich in einer heiter-melancholischen Love Story, der Dujardin und die zauberhafte Bérénice Bejo, Ehefrau des Regisseurs, unvergesslich Gestalt verleihen. Nebenbei funktioniert „The Artist“ als zärtlicher Abgesang auf eine ganze Epoche. Dass er damit an William Wellmans „Wings“ anknüpft, ist eine Pointe am Rande: Als „Wings“ sich 1929 bei der ersten Zeremonie als einziger echter Stummfilm der Oscar-Geschichte durchsetzt, ist der Siegeszug des Tonfilms längst besiegelt.

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