Kultur : Ost-Jugendlicher zu sein, stärkt das Selbstbewusstsein - neuerdings

Jana Simon

Was ist typisch für die DDR? Olaf Winter weiß es nicht mehr. Irgend etwas mit Pionierliedern vielleicht. Olaf kommt aus einem Dorf in Mecklenburg-Vorpommern und hat wie die anderen zwölf in dem Buch "Generation Ost" 1989 als einer der letzten die DDR-Jugendweihe gefeiert. Er war vierzehn, als sich das Land, in dem er lebte, auflöste.

Die Journalistin Liane von Billerbeck hat sie gefragt, was von der DDR in ihren Köpfen übriggeblieben ist und wie sie heute zurechtkommen. Ihre Gespräche hat sie als Protokolle niedergeschrieben. Das ist eine Stärke dieses Buches, andererseits aber auch seine größte Schwäche - Stärke, weil es authentisch ist und Schwäche, weil es wohl kaum jemand durchhält, zwölf Protokolle am Stück zu lesen.

Irgendwann will man etwas mehr Analyse. Die zwölf Ausgewählten sind heute Anfang Zwanzig und sollen eine Art Querschnitt der Ex-DDR-Bevölkerung sein. Der obligatorische Rechte mit Kampfhund vor Plattenbau ist dabei und erzählt über den sozialen Abstieg seiner Eltern. Er wählt NPD und will zu den Kampftauchern nach Kiel. Schließlich war er in der DDR auch auf einer Sportschule. Oder eine andere, Nicola Birka, die sich in voller Montur des Bundesgrenzschutzes fotografieren lässt. Früher waren ihre Eltern bei der NVA. Als die aufgelöst wurde, waren "ihnen ihre Ängste nicht anzumerken". Worauf Nicola stolz ist. Wie genau sich ihre Wandlung vom überzeugten DDR-Kind zur ebenso überzeugten Bundesgrenzschützerin vollzogen hat, erfährt der Leser leider nicht. Es gibt eine Friseuse, eine Prominente, Christiane Paul, einen klassischen Verlierer, der hoch verschuldet heute bei der Heilsarmee arbeitet.

Das ist die "Generation Ost", meint Billerbeck. Eine Generation, die lose durch eine Jugendweihe vor zehn Jahren verbunden ist. Für die meisten von ihnen war diese Feier kein Staatsbekenntnis mehr, sondern der lang ersehnte Moment, bei dem sie endlich einen neuen Kassetten-Rekorder bekamen. Und dann besoffen sie sich das erste Mal in ihrem Leben bis zur Besinnungslosigkeit.

Warum ist diese "Generation Ost" also anders als die "Generation West"? Was hat sie erlebt, dass sie bis heute prägt und von ihren Altersgenossen im Westen unterscheidet? Christiane Paul zum Beispiel sagt : "Die Ostler - das war einfach eine andere Sorte Mensch." Sie seien nicht so satt und insgesamt ernster. Und sie kommt zu dem Schluss, im Osten hätte alles "eine andere Tiefe gehabt". Vielleicht kommt das daher, dass die Ostjugendlichen schon mit 10 über den strapaziösen Kampf der Arbeiterklasse gegen die ausbeuterischen Kapitalisten Bescheid wissen mussten und in ihrer Freizeit Altstoffe für Nicaragua sammelten. Das ganze Leid der Menschheit schien förmlich auf ihnen zu lasten. Während bei den Westjugendlichen in diesem Alter - bis auf einige Ausnahmen - eher Donald Duck und die letzte Bravo Thema waren.

Alle zwölf scheinen aber nicht das Gefühl zu haben, deshalb etwas verpasst zu haben oder gar heute benachteiligt zu sein. Sie haben mit 14 auch noch keine großen Kompromisse machen müssen. Die kannten nur ihre Eltern. Oft sind die Eltern bei ihrem Versuch, sich an die neue westliche Gesellschaft anzupassen gescheitert. Die jüngere "Generation Ost" scheint sich gar nicht mehr anpassen zu wollen, sondern möchte sich eher von den Westdeutschen abgrenzen. Die meisten in dem Buch sind froh, die DDR - wenn zum Glück auch nur kurz - erlebt zu haben. Weil es ihren Horizont erweitert hat und ihnen gezeigt hat, dass auch eine Gesellschaft, die sich selbst für fortschrittlich und unsterblich hält, untergehen kann. Und sie empfinden es als Vorteil, "das System in dem ich jetzt lebe, mal von außen betrachten zu können", wie Uta Leupold aus Dresden sagt.

Eines wird in "Generation Ost" ganz deutlich: Die jungen Ostdeutschen besitzen eine neue Art von Selbstbewusstsein, das ihre Eltern nicht haben. Und noch etwas haben fast alle Protagonisten der "Generation Ost" begriffen - mit ihrer anderen Vergangenheit heben sie sich von der Masse ab. Liane von Billerbeck: Generation Ost. Aufmüpfig, angepasst, ehrgeizig?Liane von Billerbeck: Generation Ost. Aufmüpfig, angepassst, ehrgeizig? Christoph Links-Verlag; 136 Seiten

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