Kultur : Ost wird West

HANS JÖRG ROTHER

Nein, es ist nicht die Geschichte, die an dem Tagebuch-Film aus Kasachstan fesselt, sondern die visuellen Eindrücke, die ruhig gesetzten Szenen mit ihrem überzeugenden Authentizitätsanspruch prägen sich dem Gedächtnis ein - viel länger als die improvisierten und wie Zitate gesprochenen Dialoge.Von den Bildern kommt auch der elegische Grundton, in dem die ratlosen Fragen der jungen Generation anklingen und der darum bei uns genauso zu verstehen ist wie im fernen Kasachstan.

Rustem (Erzhan Rustembekow) lebt in den Tag hinein, und als ihm der Direktor des Zoos wegen Unzuverlässigkeit das Praktikum kündigt, hat er rein gar nichts mehr zu tun.Gelangweilt durchstreift er mit einem Freund die spätsommerliche Stadt und lernt dabei, anfangs aus Jux, die erst verschlossen reagierende, dann aber beharrliche Miko (Assel Shaimukhammedowa) kennen.Als sie tags darauf wegen einer seltsamen Ohnmacht ins Krankenhaus gebracht wird, muß Rustem seine Lethargie aufgeben.Aber auch ein Gewalttäter wartet schon auf ihn.Das Abenteuer des Lebens ist eröffnet, und ein frommer Nachbar nutzt die Stunde, den Burschen und vielleicht auch den Zuschauer von der Existenz Gottes zu überzeugen.

Der 43jährige Regisseur schuf keine Gestalten mit Biographie und sozialem Hintergrund, sondern konzentrierte sich auf die filmischen Situationen."Ich mache so etwas wie Jazzkino - also etwas, wobei man sich entspannen kann", kündigte er an.Um die Echtheit der Episoden zu garantieren, besetzte Amirkulow alle Rollen mit Laien, die er allerdings nicht auf der Straße fand, sondern in einem von ihm geleiteten Workshop am Filminstitut von Almaty.Davon mag das etwas einseitige Zeitbild von Amirkulows drittem Werk herrühren.Die betont westliche Orientierung von Rustem, Miko und den anderen wird kaum allen dieser postkommunistischen kasachischen Generation eigen sein, ebensowenig die Bevorzugung der russischen Sprache.

"1997 (Rustems Notizen mit Zeichnungen)" lautet der vollständige Titel des Films, der schon beim Forum der diesjährigen Berlinale beeindruckte.Skizzen und Zwischentitel bilden ein verfremdendes Beiwerk.Ob diese Art des Erzählens auf literarische Traditionen des bis ins 19.Jahrhundert nomadisierenden Volkes zurückgeht, kann hier nicht beantwortet werden.Hinter den gen Westen gerichteten Gesichtern sucht der Betrachter unwillkürlich das Östliche.Vielleicht rührt die kaum verdeckte Trauerstimmung der mit den Darstellern fast identischen Figuren von dem Gefühl, in ein Niemandsland abgedriftet zu sein, wo keine Tradition mehr vor dem Fall bewahrt.Aber darüber reden sie während ihrer drei Tage in Almaty kein Wort.

In Berlin im fsk, deutsche Untertitel

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