Ostalgie : Aus DDR-Biografien kann der Westen lernen

Wege ins Offene: Angela Merkel ist eine idealtypische ostdeutsche Aufsteigerin, doch sie spricht nicht gern davon. Ostdeutschland fühlt sich gern vom Westen unverstanden, dabei versteht es sich oft selbst nicht.

Robert Ide
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Ostalgie auf der Spitze. Tänzerinnen im Friedrichstadtpalast. Foto: adolph press/XAMAX

Wer etwas über Ostdeutschland lernen will, muss zum Tag der Sachsen fahren. Drei Tage lang wird eine Kleinstadt gesperrt, Felder werden als Parkplätze ausgewiesen. Im Volksfestort, der jedes Jahr ein anderer ist, stellen die örtlichen Radiosender mobile Bühnen auf – Unterhaltung für Jüngere und Ältere. Für die Kids posiert Us5, eine Boyband, die auch im Erzgebirge BHs von ihren Mikrofonen schütteln muss. Für die Älteren gibt es mehr Bühnen. Dort spielen Purple Schulz und Haddaway die Achtziger nach. Das Verbindende ist der von Zehntausenden gesäumte historische Festumzug: von mittelalterlichen Schlosshenkern über winkende Pioniergruppen bis zu Rock’n’Roll- Vereinen, die noch heute durch die Jugendklubs swingen. Plötzlich erschallt es durch ein Megafon: „Das Fotografieren der bewaffneten Organe ist verboten.“

Ein Mann in grüngrauer Uniform und mit Volkspolizisten-Mütze holt Verwarnungszettel aus seiner Umhängetasche aus Kunstleder, verteilt sie mit regloser Miene an die Umstehenden. Er nimmt wieder sein Megafon: „Gehen Sie auseinander! Leisten Sie den Anweisungen des Abschnittsbevollmächtigten unverzüglich Folge!“ Die Menschen jubeln, schlagen sich auf die Knie. Nun eilen richtige Polizisten herbei. Sie wollen Autogramme.

Gemeinsamkeiten und Unterschiede liegen in Ostdeutschland nah beieinander, so nah wie das Früher und das Heute. Das Gemeinsame hieß früher „Geborgenheit“, manchmal kann man sich noch heute in sie flüchten. Dann muss man nicht darüber sprechen, wie jeder unter den Augen der anderen seinen eigenen Weg in die neue Zeit gegangen ist, warum jetzt einer dort ist und der andere hier. Stattdessen lacht man zusammen über einen verkleideten Hilfspolizisten, der früher im Auftrag des Staates den Nachbarn nachgestellt hat. Nostalgie – ein Erinnern, das nicht weh tut – funktioniert aber nur durch Vergessen. Und das kommt in Ostdeutschland häufiger vor.

In Sachsen hat der Ministerpräsident zwischenzeitlich was vergessen. Irgendwann sind Stanislaw Tillich die Details seiner früheren ideologischen Schulungen und der Umstände wieder eingefallen, wie er sich (auch aus Karrieregründen) in die Ost-CDU einreihte und damit – zumindest das – dem SED-Staat beim Verwalten half. Nun sagt Tillich, er habe als junger Mensch versucht, seine Heimat mitzugestalten. Er weist den Versuch zurück, „unser Leben von Menschen insbesondere aus dem Westen abwerten zu lassen“. Das Erste stimmt sicherlich. Das Zweite bedient Reflexe. Wie die Nostalgie.

Ostdeutschland fühlt sich gern vom Westen unverstanden, dabei versteht es sich oft selbst nicht. Es wird Zeit, dieses Unverständnis zu diskutieren. Dafür ist die Öffentlichkeit verantwortlich. Die große, in der die Politik nach demokratisch legitimierten Stimmen sucht. Und die vielen kleinen Öffentlichkeiten bei den Volks- und Familienfesten.

Die Vergangenheit: In der Bewertung der Menschen untereinander spielt eine wichtige Rolle, was sie früher getan haben, was für einen Preis sie für ein erfolgreiches Leben in der DDR gezahlt haben. Mit welcher Anpassungsleistung hat man sich selbst verleugnet, mit welcher seine Nachbarn? Diese Fragen lauern in jedem, aber sie werden nicht besprochen. Dabei wissen selbst jüngere Ostdeutsche noch genau, hinter welchen Eltern im Klassenbuch das Kürzel SED eingetragen war. Und wie soll man vergessen, wie ein Mädchen vor der Klasse steht und einen Mitschüler vor der Ausreise seiner Familie in den Westen als kapitalistischen Verräter anklagt? Jeder ist sich bewusst, dass Verletzungen geblieben sind. Aber jeder hofft, dass sie niemand sieht.

Das Damals im Heute: Überlagert wird die Bewertung der Vergangenheit von der Frage, wie Menschen heute mit ihrem damaligen Leben umgehen – ob sie sich noch zum Alten bekennen, ob sie es verdammen. Die meisten entscheiden sich für einen dritten Weg: selektives Erinnern. Alfons Zitterbacke ohne die Stellen, wo sich der Kinderbuchheld in die Nationale Volksarmee träumt. Diktatur? Totalitäres System? Kommt in dieser Rückschau nicht vor. Es gibt sogar Menschen, die alles vergessen haben wollen, für die es gar kein Gestern gibt. Die Schwimm-Olympiasiegerin Franziska van Almsick, die es als erste Ostdeutsche zum gesamtdeutschen Star brachte, habe sich nach Angaben ihrer Managerin „schon immer als Gesamtdeutsche gefühlt“. So versucht das Neue, für immer vom Alten loszukommen.

Der Aufstieg: In der Bewertung der Ostdeutschen untereinander ist dies zweifellos die wichtigste Kategorie. Hier wird bemessen, wer es im Kapitalismus zu etwas gebracht hat und wer nicht. Angela Merkel hat sich bis an die Spitze der Bundesrepublik hochgearbeitet. Im Osten wird sie dennoch nicht bewundert wie etwa Regine Hildebrand. Viele Ältere entdecken an Merkel Züge einer kalten Verräterin – nur am Aufstieg, nicht am Osten interessiert. Dennoch wünschen sie ihr insgeheim Glück gegen das westdeutsche Establishment.

Die Kanzlerin ist eine idealtypische ostdeutsche Aufsteigerin, die im Jetzt angekommen ist und dafür das Früher zur Seite gelegt hat. Dabei kam ihr sicher zugute, dass sie zu DDR-Zeiten als FDJ-Kulturreferentin und Sekretärin für Agitation und Propaganda nicht sonderlich auffiel. Ihre FDJ-Aufgaben nennt sie rückblickend Kulturarbeit. Angela Merkel ist als Physikerin der Macht beschrieben worden, sie ist die erste Frau im Kanzleramt und, ach ja, eine Ostdeutsche. Sie hat nie verleugnet, woher sie kommt, aber sie hat es auch nie betont oder sich zu Ost-Themen wie den Stasi-Akten geäußert. Anders wäre sie wohl nicht Kanzlerin geworden. Ihre Karriere im politischen System ist trotzdem typisch Ost: Schritt für Schritt, auf der Suche nach Lücken und Zwischentönen, ohne ein „Basta“ auf den Lippen. Westdeutschen moderiert sie zu viel. Dabei ist Abwarten auch immer ihre Stärke gewesen. Bei einer Rede zum Tag der Einheit hat sie erzählt, wie sie in der Wendezeit von Michael Schindhelm ein Buch geschenkt bekam. Die Widmung auf der ersten Seite lautete: „Gehe ins Offene.“

Vor einiger Zeit hat Angela Merkel von der ostdeutschen Öffentlichkeit, die oft genug noch für sich selbst funktioniert, einen Preis verliehen bekommen: die Goldene Henne. Veranstalter waren die Oligarchen der Nostalgieindustrie: Friedrichstadtpalast, Super-Illu und MDR. In ihrer Rede verriet die Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland etwas über ihren Aufstieg ins westdeutsche Parteiensystem: „Da schwang immer etwas mit. Deutsche waren wir schon; aber ob die immer alles mitgekriegt haben? Alles mitgekriegt haben wir nicht, aber was anderes mitgekriegt haben wir. Und das kann nicht schaden.“ Den Stolz, anders gewesen zu sein, weiß auch Angela Merkel zuweilen für sich zu nutzen, jedenfalls in ihren wenigen ostdeutschen Momenten.

Etwas anderes mitgekriegt haben wir. Was war das eigentlich? Darüber reden die öffentlich sichtbaren Ostdeutschen zu wenig. Das liegt auch an ihrer Prägung. Aufgewachsen sind sie in einer Gesellschaft, in der das Durchleuchten von Personen die Persönlichkeit zu schädigen drohte und der Rückzug in familiäre, religiöse oder andere halbwegs abgedichtete Räume der Wahrung der Würde diente. Nun sind sie in einer Gegenwart zu Hause, in der in nahezu jedem Gespräch die Vergangenheit eingraviert ist, auch Verletzungen der neuen Zeit. Da fällt es schwer, ganz unbeschwert über sich selbst zu reden, selbst wenn es immerzu verlangt wird. Die Politik als Markt der Möglichkeiten, in dem man seine Vorzüge fast unverschämt anpreist und auch mal eigene Fehler mit Kawumm für sich zu nutzen weiß (Joschka Fischer), sie bleibt den meisten ostdeutschen Politikern fremd. Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Wolfgang Böhmer ist ein kluger Herr, aber der zurückhaltend mit Worten sezierende Arzt dürfte wohl in keinem westdeutschen Land eine Mehrheit finden. Er würde sie wohl auch nicht suchen.

Wer Verantwortung tragen will, muss sich öffnen. Alte Rückzugsräume sollte er räumen und sich in sein Leben gucken lassen, auch auf die Wunden und das Verheilte. Im oft grellen Lichtkegel der Öffentlichkeit lässt sich eingravierte Vergangenheit nicht verdecken. Diese Erfahrung muss nun die CDU machen, die sich (wie die FDP übrigens) der einst SED-hörigen Blockparteien bediente. Verpasstes Erzählen ist verpasste Politik.

Viel wäre zu gewinnen. In einer Biografie wie der von Stanislaw Tillich, in seinem Hin-und Hergerissensein zwischen Einheitsfront und eigenem Weg, spiegeln sich viele ostdeutsche Lebenswege. Womöglich würde sich mancher Wähler darin wiederfinden. Gerade jetzt, da der Medienwind zum großen Wendejubiläum anhebt. Da man das eingeübte Schweigen aufgeben und über den Stolz reden könnte, den der friedliche Umbruch mit sich gebracht hat. Da sich Wunden heilen lassen, die mit der Einheit kamen. Wunden, die Egon Bahr einmal so beschrieben hat: Die Westdeutschen haben immer nach Westen geguckt, die Ostdeutschen haben immer nach Westen geguckt. Ihre Blicke haben sich nie getroffen.

Dass sich Blicke treffen, auch dafür sind Worte da. Die ostdeutsche Öffentlichkeit muss sie suchen und finden. Die Jüngeren, die meinen, es fernab der Heimat geschafft zu haben, sollten nicht verpassen, ihre Eltern und Onkels zu fragen, was früher war und warum viele von ihnen sich nicht mehr aus ihren Rückzugsräumen trauen. Es gilt, Neugier zu wecken auf Geschichten, die das ganze Land prägen. Die gesamtdeutsche Globalisierung, die nun auch im tiefsten Westen ankommt, haben viele ostdeutsche Landstriche schon hinter sich: Verlust sicher geglaubter Arbeitsplätze, Wegzug der Kinder zu weit entfernten Wachstumskernen, die Vergreisung der Heimat. Eine neue Neugier könnte auch dazu führen, nicht unbarmherziger zu Lebenswegen anderer zu sein, als man es zu seinem eigenen wäre.

Eintönige Rote-Socken-Kampagnen wirken, das zumindest ist das Gute an der Debatte über Blockflöten und ihre nachhallenden Töne, inzwischen genauso aus der Zeit gefallen wie ein verkleideter Abschnittsbevollmächtigter.

Robert Ides Buch „Geteilte Träume. Meine Eltern, die Wende und ich“ erscheint im Januar als aktualisierte Neuauflage beim btb-Verlag.

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