Kultur : Ostdeutsche Literatur: Verlieren, was man nie besaß

Wolfgang Engler

Vor ein paar Monaten fragte das Forum Ostdeutschland der SPD in Leipzig, ob es noch eine DDR-Literatur gibt oder ob diese Teil einer gesamtdeutschen Literatur geworden ist. Eine Diskussion drehte sich um "Freiheit und Fremdheit, Melancholie und Satire: Literatur im Aufbruch", die ich durch einige pointierte Thesen in Gang setzen sollte. Die Schwierigkeit lag darin, dass das Thema falsche Assoziationen weckte. Denkt man doch bei "Aufbruch" an Enthusiasmus, Zukunftsgewissheit, freudige Ankunft in der Gegenwart. Und dazu fiel mir bedauerlicherweise nur eine historische Reminiszenz ein, nichts Gegenwärtiges.

Ankunftsliteratur, von Aufbruchsemphase begleitet, das gab es im Osten in den frühen 60ern. 1961 veröffentlichte Brigitte Reimann ihre Erzählung "Ankunft im Alltag", von heute aus gesehen eine eher unschuldige Abiturientengeschichte, in der drei junge Leute die Mühen der sozialistischen Ebene erst kosten und dann lieben lernen. Gleichwohl gab sie einer ganzen literarischen Bewegung den Namen: den "Jungen", um 1930 Geborenen, mit ihrem Anspruch, die Verhältnisse mit frischem Elan aufzumischen.

Wie Brecht und Müller verstummten

Für die Älteren, die um oder nach 1900 Geborenen, lag der lebensgeschichtliche und geistige Akzent auf der Vergangenheit, der Weimarer Republik, Nationalsozialismus, Krieg, Illegalität, Gefängnis, Exil. Von daher bezogen sie ihre Anschauungen und Themen. Der DDR waren sie politisch verbunden, doch mehrheitlich nicht habituell. Dass Brecht in der DDR trotz mehrerer Anläufe kein einziges Gegenwartsstück schrieb, bestätigt die Regel. Damit konnten sich die Nachwachsenden bei allem Respekt vor großen Namen und Biographien nicht zufrieden geben. Ihr Lebensthema war die DDR und deren Widersprüche. Wird da nicht doch eine Parallele zur Gegenwart sichtbar?

Hält man sich an die bloßen Zeitverhältnisse, dann könnte es so scheinen. 1949 begann die DDR, 1961 die Ankunftsliteratur; 1989 endete die DDR; beginnt 2001, wieder zwölf Jahre später, eine neue Ankunftsliteratur, getragen von den heute Dreißigjährigen? Für einen neuerlichen Generations- und Themenwechsel in der Literatur spräche, dass die Jungen von einst, in die Jahre gekommen und um eine große Enttäuschung reicher, ihr kollektives Projekt unter anderen Vorzeichen weiterverfolgen; was sie früher konstruierten, sezieren sie nun. "Was bleibt?" - die Frage beschäftigt nicht nur Christa Wolf, eine der Wortführerinnen des geistigen Aufbruchs aus den 60ern. Manche verstummten darüber, wie Heiner Müller, dessen letzte Texte ("Germania 3") selbstquälerische Protokolle des Nicht-mehr-Schreiben-Könnens sind - "Das letzte Programm ist die Erfindung des Schweigens". Glücklicheren Temperamenten erging es wie Volker Braun, der in seinem 1990 veröffentlichten Gedicht "Eigentum" seine Schreibkrise öffentlich machte: /"und unverständlich wird mein ganzer Text"/, um gestärkt daraus hervorzugehen. Andere wie Günter de Bruyn zogen einen definitiven Schlussstrich und kündigten ihr Engagement für die "dritte Sache". Wirklich frei von dem, was war, ist keiner.

Aber auch viele Autoren der Zwischengeneration, der um 1940 herum Geborenen, wie etwa Christoph Hein ("Von allem Anfang an"), Wolfgang Hilbig ("Das Provisorium") oder der jüngst verstorbene Klaus Schlesinger ("Trug") rekapitulieren noch in ihren jüngsten Büchern die Vergangenheit, geplatzte Träume, Verletzungen, den Steinschlag der Geschichte.

Tatsächlich sind die altersmäßigen Grenzen der Erinnerungsarbeit noch sehr viel weiter gespannt. Für die fünfziger Jahrgänge sei an Peter Wawerzinek ("Das Kind das ich war") erinnert; für die sechziger an Annett Gröschner ("Moskauer Eis"). Natürlich gibt es Unterschiede zwischen Älteren und Jüngeren, andere politische Erfahrungen, kulturelle Prägungen und Schreibweisen; gemeinsam ist ihnen das Bestreben, die "Katze Erinnerung" zu zähmen, das wirklich gelebte Leben ans Licht zu ziehen, ehe das Moos der Amnesie sich endgültig über den Trümmern des alten Staates ausbreitet.

Selbsttragender Abschwung

Diese gemeinsame Suchbewegung vermittelt zwischen den Generationen, transformiert schroffe Kontraste in wahlverwandte Spielarten. Dass aus den vielen individuellen Ankünften bis heute keine neue Ankunftsliteratur hervorgegangen ist, hat einen einfachen Grund: Der gesellschaftliche Aufbruch, der sie ins Leben rufen könnte, findet nicht statt. Ein knapper Lagebericht soll das verdeutlichen.

Kürzlich druckte eine ostdeutsche Regionalzeitung eine Kinderzeichnung ab, die im Rahmen eines Wettbewerbs der Wohnbauten GmbH der Stadt Schwedt entstanden war. Sie zeigte den Ausschnitt eines Neubauviertels, in dessen Mitte sich ein Kran erhebt. Auf den ersten Blick nichts Außergewöhnliches, eine Baustelle eben; unwillkürlich denkt man an Schülerzeichnungen aus den späten 50ern, die die Gründerstädte der DDR idealisierend ins Bild setzten. Beim zweiten Blick kippt die Erinnerung. Denn dort, wo der Kran früher seine Last trug, versieht nun eine Abrissbirne ihre Arbeit. Die Baustelle entpuppt sich als das, was man heute zwischen Ostsee und Thüringer Wald euphemistisch "Rückbaustelle" nennt.

Dieses Bild bringt den Wandel der kulturellen Selbstverständlichkeiten im Osten plastisch zum Ausdruck. Die Stichworte heißen Schrumpfen, Abriss, Abgang. Die Deindustrialisierung entvölkert das Land, Häuserzeilen stehen leer, der "Fortschritt" lässt sich Zeit, die Ungeduld nimmt zu, die Hoffnung schwindet. Im selbsttragenden Abschwung blühen nicht die Landschaften, sondern die Sarkasmen aus späten DDR-Zeiten: "Der Letzte macht das Licht aus".

Wer redet da von Aufbruch? Abbruch heißt das Kennwort im Alltag wie in den Künsten. Man denke an Spielfilme wie "Wege in die Nacht", "Vergiss Amerika", "alaska.de" oder "Die Polizistin"; an Dokumentarfilme wie "Wittstock, Wittstock" oder "Halle-Neustadt".

Dennoch wäre es verkehrt oder zumindest einseitig, die ostdeutsche Mentalität nur mit Abbruch in Verbindung zu bringen; das ist ihr Thema, aber nicht ihr Stil. Da drängen sich andere Begriffe auf: zum Beispiel "Melancholie und Satire". Offenkundig liegen beide Begriffe nicht auf derselben Ebene. Melancholie bezeichnet ein psychisches bzw. seelisches Phänomen, Satire ein künstlerisches Genre; jener ergibt man sich, diese wählt man bewusst als Ausdrucksmittel. Mentalitäten, stets mit dem (kollektiven) Unbewussten im Bunde, können melancholisch sein, aber kaum satirisch.

Dass die ostdeutsche Mentalität melancholisch gepolt ist, steht außer Frage; nur erschöpft sie sich nicht darin. Sie kreist um einen zweiten Pol. Die ostdeutsche Mentalität bewegt und artikuliert sich im Spannungsfeld von Melancholie und Ironie, genauer: sie ist diese Spannung, melancholisch und ironisch zugleich. Beide Momente können nur in der Abstraktion, zum besseren Verständnis ihres Zusammenwirkens, voneinander geschieden werden.

Beginnen wir mit der Melancholie, und zwar in jener Bestimmung, die Freud dem Begriff gegeben hat. Im Unterschied zum Trauernden, der weiß, worum er trauert und daher einen sachlich und zeitlich bestimmten Prozess durchläuft, die Trauerarbeit, leidet der Melancholiker an genau diesem Mangel: Er hat etwas verloren, aber er weiß nicht präzis zu sagen, was. Erst wenn er den Verlust bestimmen kann, also zum Trauernden wird, findet sein Leben wieder Maß, Bewandtnis, Anhaltspunkte.

In dieser Lage fanden sich viele Ostdeutsche nach 1989 wieder, die Spezialisten der Reflexion zumal. Sie mussten in einem schmerzlichen Prozeß unterscheiden lernen, was von ihrem vormaligen Leben nur erinnert, aber nicht aufgehoben zu werden verdient, und was tatsächlich "bleibt", also bewahrt und weitergegeben werden kann. Literatur und Publizistik haben sich dieser Frage von Anfang an gestellt, Analyse in eigener Sache betrieben, ohne doppeltes Netz, sprich Therapeut. Der selbstanalytische Prozess fand erstaunlich schnell zu Form und Sprache. Mitte der 90er publizierte Marion Tietze ihre Erzählung "Unbestimmter Verlust", die das melancholische Sujet bereits im Titel führte.

Dass die Frage "Was bleibt?" allen Ernstes gestellt werden konnte, verweist auf die Differenz zwischen den deutschen Diktaturen, zwischen Nationalsozialismus und DDR-Staatssozialismus. Bautzen war abscheulich, aber es war nicht Auschwitz, diskreditierte die zugrunde liegende Gesellschaftsidee nicht annähernd im selben Maße wie die Konzentrationslager jene des NS-Systems. Projekt und Realisierung blieben voneinander geschieden, und diese Differenz war geistig typenbildend; sie schuf erst den Häretiker und dann, nach dem Hinscheiden des alten Staats, den Melancholiker. Kein Mensch von Verstand und Herzensbildung konnte nach dem Zusammenbruch des "Dritten Reiches" in Melancholie verfallen; nach dem Ende der DDR war das sehr wohl möglich.

Und der Gegenpol, die Ironie? Passt die für die Ostdeutschen? Besaßen sie darin vielleicht sogar einige Übung? Der Soziologe Heinz Bude hat das entschieden in Abrede gestellt. Ironie, so schrieb er, sei der geistige Habitus der westdeutschen Mehrheit, wogegen die ostdeutsche dem tragischen Charakter verschworen sei. Bewundernswerte Einfalt! War die Distanz zu den politischen und gesellschaftlichen Gegebenheiten im Osten nicht von Anfang an und bis zuletzt weit größer, abgründiger als im kommoden Westen, wo man viel problemloser mit den Verhältnissen in Deckung leben konnte?

So könnte man vermuten; nun zum Begriff der Sache. Irrigerweise halten selbst Gebildete die Ironie für eine Erfindung der europäischen Romantik, besonders der deutschen, und führen Tieck, Novalis, Kleist ins Feld. Ihr abendländischer Ursprung liegt mehr als 2000 Jahre zurück; es war der hellenische und römische Staatsadel, der die Ironie erfand und zur Geisteshaltung kultivierte. Ihren Kontext bildeten die verzweigten Verwaltungsapparate, die sich seit Alexander dem Großen weit über den mediterranen Raum hinaus erstreckten. In diesem institutionellen Arrangement löste sich das für die Polisdemokratie so charakteristische Junktim von Herkunft, persönlicher Kultivierung und sozialer Laufbahn auf. Man mochte von vornehmster Abstammung sein, Geist und Körper beharrlich gebildet haben - sein soziales Geschick hatte man nicht mehr in der Hand. Man konnte berufen oder nicht berufen, eingesetzt und wieder abgesetzt werden, oder einem plötzlichen Machtwechsel zum Opfer fallen. Dann war es um die dignitas geschehen, es sei denn, man gab ihr einen anderen, persönlicheren Sinn, verlagerte die Wertakzente vom undurchschaubaren politischen Leben auf die individuellen, intimeren Daseinsbezirke. Die res publica wurde dadurch nicht belanglos, aber sie war nicht mehr das Höchste. Das Höchste war ein im ethischen wie ästhetischen Sinne schönes Leben; ein Leben im Kreis von Ebenbürtigen mit ausgesuchten und maßvollen Genüssen. Wer im kritischen Moment hinter der sozialen Charaktermaske ein Ich hervorzaubern konnte, das nicht auf gesellschaftlichen Kredit lebte, war über den Zufall erhaben.

Darauf, auf elitäre Herablassung, präventive Enttäuschungskompensation, lautet die Geburtsurkunde der Ironie. Elitär waren die Ostdeutschen nicht gestimmt. Die aristokratische Chuzpe wurde plebejisch umfrisiert, alles sah schlichter, eintöniger, eben provisorischer aus, die Raffinesse fehlte, aber das Prinzip blieb dasselbe - innerlich alles von sich abzutun, was nicht wirklich zu einem gehörte; dem Glück und dem Erfolg zu misstrauen; auf jähe Wechsel vorbereitet und stets darauf gefasst zu sein, sein Bündel zu schnüren und alle Habseligkeiten hinter sich zu lassen, als wäre es wertloser Tand.

Und heute, nach der Wende? Hat die Ironie die Vereinigung überlebt? Sie hatte es zumindest nicht leicht. War die gesellschaftliche Erwartung doch gerade darauf ausgerichtet, endlich aus dem Provisorium heraustreten, seiner selbst und seiner Sachen sicher sein zu können. Doch nur allzu bald sahen sich die Ostdeutschen neuen Ungewissheiten gegenüber. Ohne (sichere) Arbeit, als Klienten des Verteilungsstaats zu leben, überforderte ihren Humor und konkretisierte das diffuse Verlustgefühl zum psycho-physischen Befund. Ererbter oder erworbener Reichtum, um ihr Ich anderweitig zu kultivieren, stand ihnen nicht zur Verfügung. Die alte Option der "Ausreise", der Volkssport der Ostdeutschen, Notanker ihres ironischen Weltbezugs, verlor, zur Normalität geworden, ihren Reiz und wurde überdies zum sozialen Scheidemittel zwischen Besser- und Schlechterqualifizierten, Gebundenen und Ungebundenen, vom Glück Verwöhnten und Vernachlässigten.

Wem sich auch diese Möglichkeit verschloss, dem blieb kein Lachen, dem drohte das Endspiel der Ironie, ihr Umschlag in Selbstmitleid und Depression. Um den ironischen Gestus zu retten, musste man schon auf dem Kopf gehen lernen. Und wieder war es die Literatur, die die Übung vorexerzierte. 1996 veröffentlichte Volker Braun seine Erzählung "Die vier Werkzeugmacher". Die Protagonisten der Geschichte, erfahrene Facharbeiter, arbeiten seit Jahren im Kabelwerk Oberspree in Berlin-Oberschöneweide. Sie verfügen über jenes Wissen, jene Kniffe und jene Chaosqualifikation, auf die kein sozialistischer Industriebetrieb verzichten konnte. Ihr Selbstbewusstsein widerspiegelt ihre Lage: Sie halten sich für unersetzbar. Als die Weltgeschichte das kleine Land 1989 gründlich durcheinander wirbelt, bleiben sie dem politischen Geschehen fern. Leute wie sie, da sind sie ganz sicher, wird man immer brauchen, in jedem System.

Zweifelhafter Besitz, vage Sehnsucht

Nur die neuen Betriebsherren teilen diese Meinung nicht. Sie stauchen die Werkzeugmacher zusammen, nennen sie "Wichte", die zu gehorchen haben und geben ihnen schließlich, wie Tausenden vor ihnen, den Laufpass. Fortan treffen sie sich auf dem Arbeitsamt; "undankbare Kunden, denen vielleicht nicht einmal mit Arbeit zu helfen war", läßt Braun den zuständigen Beamten sagen, und weiter: "Die sich selber suchten, weil sie sonstwo geblieben waren, in verschollenen Betrieben und Verhältnissen, die sie nicht zurückwünschen konnten und doch entbehrten. Das war eine komische und grausame Geschichte, denn sie klebten an irgendwas, das ihnen immer gleichgültig war und von dem er sie nun gewaltsam lösen mußte, einem alten Leim."

Der Ausschnitt, wie der Text im Ganzen, ist beides: melancholisch und ironisch, und zwar in einem Atemzug. Die Figuren entbehren etwas, aber sie wissen nicht zu sagen, was genau. Umgekehrt hängen sie an "irgendwas", das sie sich willentlich nie zu Eigen gemacht haben. Unbestimmter Verlust, zweifelhafter Besitz, umgestülpte Ironie: Statt sich leichten Herzens von dem zu trennen, was einem gehört, klebt man hartnäckig an dem, was einem "immer gleichgültig war". Die Erfahrung, die der Text formuliert, ist ostdeutsches Gemeingut, Grundzug ostdeutscher Mentalität: weder zu wissen, was man verlor noch was man besaß.

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