Kultur : Ostdeutschenverwurstung

HANNE BAHRA

Eine deutsch-deutsche Filmreihe in PotsdamVON HANNE BAHRA"Ich laß mir von Schlingensief doch nicht die deutsche Einheit vermiesen", sprach Richard Schröder (SPD) und biß ins Pausenwürstchen.Doch den anderen Gästen der ersten von sieben "Deutsch-Deutschen" Filmnächten des Potsdamer Filmmuseums, die "Das Deutsche Kettensägenmassaker" (1990), jenen blut- und fäkalientriefenden Angriff auf den gepflegten Geschmack über sich ergehen ließen, blieb der Bissen im Halse stecken."Die Verwurstung der Ostdeutschen hat sich doch bewahrheitet" und "Ein Lebensgefühl im allgemeinen Gesülze, das ich nachvollziehen kann", hieß es im Kinovolk, das sich zu einem Drittel für Schlingensiefs "abseitiges Produkt der Moderne" (Joachim Gauck) im Foyer des Hauses entschied, während der größere Teil im gemütlichen Kinosaal westdeutscher Aufarbeitungssatire der fünfziger Jahre vertraute.Doch nicht nur Schlingensiefs deutsch-deutsches Schlachtefest, das schon 1990 den Bürgerkrieg ahnte, der sich 1998 jenseits des Horizonts politischer Konsensbildung abzuzeichnen droht, war die Kröte des Abends, die sich schwer schlucken ließ."Vaterland" - die Leerstelle im Bewußtsein der Deutschen war das Thema, bei dem sich Ost und West in Aversion gegen den geschundenen Begriff zusammenfanden.Und doch: beide hatten eines und jeweils ein anderes.Das westdeutsche Selbstbild an diesem Abend gab der Film "Wir Wunderkinder" von 1958, das ostdeutsche Andrew Thorndikes schwarz-weiße Siegesmythologie "Der Weg nach oben", ein Propagandastreifen von 1950.Waren wir wirklich in allem verschieden? Und sind wir jetzt ein Volk? Auf der Suche nach Gemeinsamkeiten der Deutschen, nach dem Deutschen schlechthin, hat Filmmuseumschefin Bärbel Dalichow die Nächte der noch bis Dezember laufenden Filmreihe jeweils unter Themen gestellt, die auf beiden Seiten Kristallisationspukte der Selbstdefinition sind: Vaterland, Humor, Sport, Auto, Bildung, Musik."Leider fehlt der Sex", bedauert Frau Dalichow, "die deutschen Filme sind alle ziemlich unerotisch.Fast genau so schwer war es, gute deutsche Filmkomödie zu finden.Nicht umsonst ist der deutsche Humor weltweilt gefürchtet".Die Spiel- und Dokumentarfilme aus DDR und BRD, bekannte und unbekannte, sollen keinen filmhistorischen Abriß liefern, sondern Folie gegenwärtiger Erfahrungen und Gesprächsangebot für aneinander müdegewordene Brüder und Schwestern sein.Dabei hilft unter Umständen auch der (trockene!) Rotkäppchensekt und die fest in jede Filmnacht installierte Prominentenrunde.Diesmal waren es mit dem Theologen und SPD-Mann Richard Schröder, Joachim Gauck und Michael Schumann (PDS) Vertreter des ostdeutschen Vaterlands.Die allerdings lieferten auf der Bühne, nach einer guten Weile persönlicher Reflexion und lehrreicher Interpretation, Proben allgemeindeutscher Neinung zu gegenseitiger Schulmeisterei.Alles in allem aber läßt diese erste Nacht des nunmehr dritten Jahrgangs thematischer Filmreihen im Potsdamer Filmmuseum, deren Unterhaltungswert Nostalgie nicht unterschätzt werden sollte, auf einen ähnlich guten Erfolg hoffen, wie die Nächte 1996 zum 50.DEFA-Geburtstag und die sowjetischen Filmnächte von 1997."Wir haben noch einmal auf die DDR zurückgeschaut, dann auf die, die uns am meisten beeinflußt haben, jetzt wollen wir nachsehen, wo wir gelandet sind".Aber nicht bierernst.Noch gibt es Plakate zur deutsch-deutschen Filmreihe zu kaufen: handgeprägten Siebdrucke auf echtem DDR-Dokumentenpapier mit Wasserzeichen. Termine: 12.Juni (Humor), 22.August (Sport), 4.September (Auto), 2.Oktober (Arbeit), 6.November (Schule), 11.Dezember (Musik).Eintritt 25 DM.

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