Osteuropa blickt auf die Wende : Die Guten gewinnen nur im Film

"Wir trinken euer Bier, und ihr trinkt unseren Wein": Die rumänische Autorin und Kuratorin Raluca Voinea über Unterschiede und Gemeinsamkeiten mit Osteuropa - 25 Jahre nach der Wende.

Raluca Voinea
Straßenproteste in Bukarest im Januar 2012 gegen die rumänische Regierung
Straßenproteste in Bukarest im Januar 2012 gegen die rumänische RegierungFoto: Imago

„25 Years After. Good Guys Only Win in Movies“ - so heißt das Festival im HAU2, bei dem noch bis Sonntag, den 9.11., rumänische und moldawische Künstler ihre Sicht des Mauerfalls präsentieren, in Theaterstücken, Lectures und Filmen. Die Kuratorin und Autorin Raluca Voinea aus Bukarest bündelt in einem Essay ihre Gedanken zum osteuropäischen Wendeerlebnis und sucht nach verbindenden Elementen zur deutsch-deutschen Perspektive.

Es begann mit einer kleinen Gruppe, die 2011 vor der chinesischen Botschaft in Bukarest Sonnenblumenkerne aß, als Sympathiekundgebung für den Künstler und Dissidenten Ai Weiwei, der damals von der Polizei in Peking in Haft gehalten wurde. Ähnliche Proteste gab es auf der ganzen Welt. Die Aktion bezog sich zum einen auf Ai Weiweis künstlerisches Werk, zum anderen auf eine Gewohnheit, die alle Schichten der rumänischen Gesellschaft eint, am häufigsten aber unter den Armen und „Ungebildeten“ zu finden ist. Bald darauf schon kam es zu einer Wiederholung der Aktion an dem einzigen Ort der Stadt, wo sie noch mehr Aufsehen erregen konnte: vor dem Regierungssitz. Hier musste die Gruppe mit berittenen Polizisten über freie Meinungsäußerung und das Beseitigen ihrer Abfälle, über alternative künstlerische Konzepte und Möglichkeiten subversiven Verhaltens in der Öffentlichkeit diskutieren.

Im darauffolgenden Jahr fand sich ein Teil derselben Leute erneut im Regierungsgebäude ein, um eine Petition mit 3000 Unterschriften gegen eine Notstandsregelung einzureichen, die der neue Ministerpräsident kurz zuvor erlassen hatte. Durch sie hatte er die Führungsspitze des Rumänischen Kulturinstituts, einer der raren Institutionen des Landes, die die zeitgenössische Kultur wertschätzte und förderte, abgesetzt und die Einrichtung lahmgelegt. Die Petition wurde offiziell aufgenommen, wie so viele jeden Tag aufgenommen werden – was zumindest dem dafür Verantwortlichen seinen Job sichert. Es folgten Proteste vor der kanadischen Botschaft, um auf all die Künstler aufmerksam zu machen, die ein Land verlassen, in dem sie sich überflüssig fühlen, aber deren Namen später jedoch von Politikern für nationalistische Kampagnen missbraucht werden.

Menschenleben gefährdet im Namen des Profits

Einige der Demonstranten resignierten, andere verließen das Land, und dennoch versammelte sich auch im folgenden Jahr, 2013, eine Protestgruppe, unterstützt von Freunden, Eltern und Kindern. Ihr Protest richtete sich sowohl gegen ein kanadisches Minenunternehmen, das bei Rosia Montana Gold fördern wollte, wie auch gegen die Regierung unter Führung des bereits erwähnten Ministerpräsidenten. Die Regierung war kurz davor, unter Umgehung der Verfassung, Gesetze zu erlassen, welche im Namen des Profits Menschenleben zu gefährden und Natur zu zerstören drohten. Trotz einiger kleinerer Erfolge wurde schnell deutlich, dass die Menschen fortan ihr gesamtes Leben dem öffentlichen Protest widmen müssten, um einen Wandel zum Guten zu erreichen; und selbst dann noch würde man ihre Stimmen unterdrücken und alles tun, um ihre wahren Absichten zu verschleiern, solange bis irgendwann ihre Energie verpuffen und sie ihre Illusionen aufgeben würden.

2014 scheint man Demonstrationen einzig und allein dann zu akzeptieren, wenn sie im Namen des Status Quo geschehen. Offensichtlich fühlen sich die Menschen am wohlsten mit all dem Übel, das sie bereits kennen und an das sie sich gewöhnt haben. Die kulturellen Strukturen sind fast immer von den politischen bedingt. Auch der kritische Diskurs ist abhängig von finanzieller Unterstützung, und jede künstlerische Äußerung erscheint vergebens, wenn Bomben fallen und Obdachlosigkeit, Hunger, Krankheiten und die von der gewaltigen Ungleichheit ausgelöste Verzweiflung immer mehr um sich greifen. Die Künstler verdienen letztendlich mit ihrem Dissidententum das große Geld, und der Zynismus ist scheinbar die einzig vernünftige Lebenseinstellung.

 2014 schauen wir fern und glauben nicht mehr an den Protest.

Nach wie vor reisen wir an die Orte, die wir in den letzten zwanzig Jahren oft besucht haben. Berlin, Wien, London und selbst Oslo sind für einige von uns so etwas wie eine zweite Heimat geworden. Nachdem wir nach und nach die meisten Illusionen verloren haben, die wir in unserer Unschuld auf diese Städte projiziert hatten,  fühlen wir uns heute in ihnen wohl und genießen die einfachen Dinge, die uns zu Hause fehlen: geräumige Wohnungen, einen funktionierenden Nahverkehr, gute Museen ... Nach wie vor müssen wir zu Hause auf einige dieser „Privilegien“ verzichten, und das schürt weiterhin unsere Wut auf die Regierung. Doch sehen wir inzwischen genauso misstrauisch, wie die Europäische Union Unsummen in infrastrukturelle Megaprojekte wie den Straßenausbau leitet. Die Beziehungen zwischen Ost- und Westeuropa waren noch nie so harmonisch wie heute, da sich die örtlichen Politiker und die ausländischen Unternehmer gleichermaßen um die Reifen ihrer BMWs sorgen. Öffentliche Krankenhäuser und Schulen sind keine Goldgruben, und Kunsteinrichtungen, die nicht einfach nur Instrumente staatlicher Propaganda sein wollen, kann man in aller Ruhe ihrem Tod überlassen. Der Profit steht an erster Stelle, und ganz offensichtlich sind es die westlichen Firmen, die den größten Nutzen aus der Liberalisierung der osteuropäischen Märkte ziehen. Unsere kleinen Oligarchen (von denen manche heute ins Gefängnis wandern oder langsam sterben) sind auch nicht gewiefter als die CEOs dieser Firmen. Doch nach 25 Jahren des Postkommunismus haben auch wir den Unterschied zwischen Diebstahl und Kapitalismus verstanden. Und wir könnten diesen Unterschied wohl auch den Menschen auf dem Tahrir, dem Syntagma und dem Taksim beibringen, so sie es denn wollen und in ihnen die Erkenntnis gereift ist, dass man mit Demonstrationen nichts erreicht.

 Live übertragene Revolution

„Setzen Sie sich und beruhigen sich!“ „Was ist mit Ihnen? Beruhigen Sie sich!“ „Kameraden, wir haben gewonnen. Das Fernsehen ist auf unserer Seite.“ Videogramme einer Revolution (1991) von Harun Farocki und Andrei Ujica lässt im Film die erste live im Fernsehen übertragene Revolution wiederauferstehen und zeigt, wie eine Volksbewegung vom Bildschirm hypnotisiert, verführt und gefangen genommen wurde. Das Bild von der Revolution ersetzte die reale Revolution – daraus wurde eine Gebrauchsanleitung, wie künftig mit der Realität zu verfahren sei. Seit 25 Jahren läuft dieses Bild nun in einer Endlosschleife, und nach wie vor geht die politische Kraft vieler Menschen auf dem kurzen Weg von den Plätzen der Städte zu den Fernsehkameras verloren.

In der letzten Zeit konnte man manchmal denken, die Wesen auf den öffentlichen Plätzen wären nicht nur Schatten aus Pixeln, sondern echte Menschen, die sich, wütend und aufgebracht, nicht beruhigen lassen wollen. Angestellte der Oper sangen vor dem Rathaus den „Gefangenenchor“, Polizisten warfen ihre Mützen in den Garten des Präsidentensitzes, Taxifahrer blockierten die Straßen, und Ärzte, Lehrer und Rentner forderten vor den Ministerien ihr Recht auf einen Lohn beziehungsweise eine Rente über dem Existenzminimum. Ballettschüler tanzten im Schnee für den Erhalt ihrer Schule den „Schwanensee“, und Choreografen besetzten das nationale Tanzzentrum, um den Abriss zu verhindern. Umweltaktivisten protestierten überall in Bukarest ebenso wie im restlichen Land und erinnerten dabei auch an all die anderen Dinge, die angeprangert gehören.

Von all dem fingen die Fernsehkameras nur die äußerst seltenen Gewaltausbrüche und die politischen Slogans ein; sie bereiteten das Geschehen auf wie ein Theaterstück. Übers Internet wurden live mit Mobiltelefonen aufgenommene Bilder übertragen, und die Proteste weltweit wurden miteinander verknüpft. Überall, vor Ort ebenso wie draußen in der Welt, befanden sich ganz reale Menschen, doch nur, wo sie sich auf den Straßen und Plätzen versammelten, wirkte ihre Euphorie ansteckend, brannten ihre Tränen, bluteten ihre Wunden und umarmten sie sich ohne irgendwelche Hintergedanken.

Allerdings kann man in einer Welt, in der das Fernsehen darüber verfügt, wer tatsächlich existiert, auf den realen Menschen leicht verzichten. Endlich haben wir den wahren Wert unserer Körper verstanden, und wie wehrlos sie sind angesichts der martialischen Uniformen der Polizei. Wir hatten weder eine Nelkenrevolution noch eine samtene. Ehe unsere Körper sich auf all den Fernsehschirmen auflösen und zu einer bloßen statistischen Zahl werden konnten, lagen sie schon in einer Blutlache auf dem Boden. 2014 sind wir es müde, als bloße Darsteller der Revolution zu fungieren.

 2014 ist an uns nichts Exotisches mehr. Wir sind so geworden wie ihr seid.

 Wir sind höflich, wohlerzogen, sprechen gut Englisch, wissen inzwischen, wie politisch korrekte Witze gehen, können kochen und kleiden uns besser als vor zwanzig Jahren; wir sind hetero und absolut schwul, wir bekommen Kinder und fahren im Park Fahrrad, wir haben große Träume und bescheidene Hoffnungen, schmettern lauthals unsere Unzufriedenheit heraus und flüstern vor Glück, kümmern uns nicht um Deadlines und arbeiten zu viel. Unsere Großstädte putzen sich heraus, und über dem Land liegt der Staub der Industrieruinen.

"Wir trinken euer Bier, und ihr trinkt unseren Wein"

Eure Regierung spricht genauso wie unsere von einem „Roma-Problem“ und einem „faschistischen Phänomen“ (gegen das erstere hilft die Polizei, letzteres muss philosophisch analysiert werden und steht unter dem Schutz der Meinungsfreiheit); ihr leidet ebenso wie wir unter dem Klimawandel (bei euch wird es jedes Jahr kälter, bei uns wärmer); wir trinken euer Bier, und ihr trinkt unseren Wein; und wir alle treffen uns hier wie dort mit unseren Freunden in angesagten Bars und tauschen die neuesten veganen Rezepte aus.

Eure Autos trifft man bei uns häufiger an als unsere Probleme bei euch; wir haben die Akten der Geheimpolizei erst sehr viel später als ihr zugänglich gemacht und leiden nach wie vor unter den Folgen; und wie bei euch gibt es auch bei uns eine Minderheit, der von einer rassistischen, konservativen, neofeudalen Umgebung beinahe jede Luft zum Atmen genommen wird, und eine Mehrheit voller Angst vor Arabern, Schwarzen und Kommunisten, die angeblich nur darauf warten, uns unserer Zukunft zu berauben.

Wir wissen beide, dass die binäre Aufteilung in „die Guten“ und „die Bösen“ der Logik des Kalten Kriegs entsprungen ist und dass wir heute alle Staatsbürger sind, die vom „Good Cop“ (der Regierung) und dem „Bad Cop“ (dem Finanzkapital) hinter einer durchsichtigen Wand festgesetzt wurden. 2014 können wir alle nicht mehr so tun, als gäbe es einen sanften Ausweg. Wir haben auf unserer Seite schon so oft versucht, die Wand einzureißen, und womöglich fehlen uns einfach eure Hämmer – würdet ihr sie mitbringen und euch uns anschließen?

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